Wintertagung: Experten fordern mehr Wertschöpfung

Die heimische und internationale Agrarpolitik stand im Fokus.

Der Eröffnungstag der 68. Wintertagung am Donnerstag stand traditionell im Zeichen der Agrarpolitik und war hochkarätig besetzt. Zum Thema des Live-Webinars „Versorgungssicherheit heißt über den eigenen Tellerrand denken“  wurden Ideen und Lösungen für die Agrarpolitik diskutiert, um die Wertschöpfungskette für Lebensmittel – allen voran die Landwirtschaft – zukunftsfit zu erhalten. Die Covid-19-Krise habe vor Augen geführt, dass volle Supermarktregale keine Selbstverständlichkeit sind. Um das auch künftig zu gewährleisten, brauche es eine intensive Zusammenarbeit aller Glieder der Wertschöpfungskette, betonten die Referenten des ersten Fachtages vor den etwa 1.400 Teilnehmern, die via Livestream mitdiskutierten. 

Pernkopf: “Brauchen investitionsfreundliches Umfeld”

Der Präsident des Ökosozialen Forums, Stephan Pernkopf, hielt dazu fest, dass es notwendig sei, die Wertschöpfung in der Region zu erhalten, indem die Produktion in Europa und Österreich sichergestellt werde. „Wir haben aber Sorge, wenn es um die inhaltliche Umsetzung der Maßnahmen des Green Deals mit der Farm to Fork- und der Biodiversitätsstrategie geht. Wir müssen nachhaltig intensivieren und mehr Lebensmittel produzieren, vor allem wenn man bedenkt, dass jährlich 80 Millionen Menschen mehr auf der Welt sind.” Der Green Deal sei ein Deal aus der “alten Welt vor Corona” und gefährde die Selbstversorgung, wenn er falsch gemacht wird.

Europa müsse daher unabhängig in der Versorgung sein, denn es “muss uns klar sein, dass alles, was nicht in Europa produziert wird, woanders definitiv schlechter produziert wird”, so Pernkopf, der meint: „ Bauern müssen produzieren und investieren können. Und sie brauchen ein Umfeld, in dem man investieren will.” Europas Bauern seien dazu auch bereit. Das zeige das Beispiel aus Pernkopfs Heimatbundesland Niederösterreich: “Wir hatten 2020 doppelt so viel Investitionsanträge als im Vorjahr.“

Qu Dongyu: “Mobiltelefon ist wichtigstes Werkzeug”

Der Generaldirektor der Organisation der Vereinten Nationen für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), Qu Dongyu, zeigte auf, wie der Spagat zwischen Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gelingen kann.  „Die Pandemie offenbarte die Verwundbarkeit unserer Agrar- und Lebensmittelsysteme, die Prekarität der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte und die dünne Linie, die viele Familien von der Armut trennt. In vielen Ländern verschlechterte sich die Lebensgrundlage gefährdeter Gruppen,
darunter Kleinbauern sowie Frauen und Jugendliche in ländlichen Gebieten”, fasste er zunächst zusammen.

Die FAO habe daher ein umfassendes Maßnahmen- und Wiederaufbau-Programm ins Leben gerufen, das sofortige und mittel- und längerfristige Maßnahmen vorsieht. So soll verhindert werden, dass die Gesundheitskrise zu einer Nahrungsmittelkrise wird. Die Pandemie habe zudem Wichtigkeit und Potenzial von Innovationen und digitaler Technologien gezeigt. “Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass das Mobiltelefon das
wichtigste landwirtschaftliche Werkzeug ist – und zwar heute und in Zukunft”, betonte Qu Dongyu. Dazu brauche es die Entwicklung einer digitalen Strategie, die gewährleistet, dass alle Menschen auch in ländlichen und entlegenen Gebieten eine angemessene Netzanbindung erlangen.

Hahn: “Von nachhaltigem System profitieren alle”

Der EU-Kommissar für Haushalt und Verwaltung, Johannes Hahn, nannte in seinem Vortrag wichtige Stellschrauben in den Strategien des Green Deals, um die Corona-, Klima- und Biodiversitätskrise sowie ihre Auswirkungen zu bewältigen. Die GAP spiele eine entscheidende Rolle und biete Chancen zur weiteren Belebung des ländlichen Raums, für mehr Arbeitsplätze und zur Eindämmung der Flucht in die Stadt. “Wir streben verbraucherfreundliche und nachhaltige regionale Zyklen an sowie ein Lebensmittelsystem, das der Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigen Erzeugnissen gerecht wird und unsere Landwirtinnen und Landwirte unterstützt,” so Hahn. 

Die bestehenden Lebensmittelsysteme würden nämlich fast ein Drittel der
Treibhausgas-Emissionen ausmachen. Eine Veränderung dieser Systeme würde neue Chancen für die Betroffenen entlang der Lebensmittel-Wertschöpfungskette eröffnen. Der EU-Kommissar zeigt sich überzeugt: “Neue Technologien und wissenschaftliche Entdeckungen in Verbindung mit einer stärkeren Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Nachfrage nach nachhaltigen Lebensmitteln werden allen entlang der
Kette zugutekommen.“

Köstinger: “Bewusstsein für Direktvermarktung fördern”

Österreichs Bundesministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, Elisabeth Köstinger, zog im Rahmen ihres Beitrages nicht nur die Lehren aus den vergangenen Monaten, sondern stellte auch die Initiativen vor, die 
heimische Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung zukunftsfit machen sollen. „Die bäuerliche Direktvermarktung ist ein Bereich, der in der Corona-Krise mit einem Plus von 41 Prozent unglaublich gewachsen ist. Die Konsumentinnen und Konsumenten haben ein Bewusstsein dafür und die müssen wir mit Initiativen wie mit ,Das isst Österreich’ adressieren”. Jeder Griff zum Regal entscheide, welche Art der Landwirtschaft es in Zukunft
gibt. Man könne am Regal zeigen, dass man zu bäuerlichen Familienbetrieben aus Österreich steht und sie durch den Kauf ihrer Produkte unterstützen. 

Besonders wichtig in Sachen Zukunftsinvestitionen ist der Ministerin die Digitalisierung mit dem Ausbau der Breitbandnetze. “In der Landwirtschaft wird es entscheidend sein, dass wir das in den landwirtschaftlichen Betrieben auch nutzen können. Es geht darum, im
Stall und am Acker effizienter zu werden und dass die Arbeit leichter wird. Das machen wir vor allem mit der Innovation Farm, mit der dieses Jahr einige Projekte geplant sind.“

Moosbrugger: “Herkunftskennzeichnung umsetzen”

Der Präsident der Landwirtschaftskammer (LK) Österreich, Josef Moosbrugger, sprach über einen massiven Handlungsbedarf, um die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln, Energie und Rohstoffen weiterhin gewährleisten zu können. “Uns Bäuerinnen und Bauern schmerzt massiv, wenn wir selbst unsere Spitzenerzeugnisse zu Spottpreisen abgeben müssen oder gar auf ihnen ‘sitzen bleiben’, während sich in Regalen und Speisen Billigimportwaren verstecken, die in keiner Weise unseren heimischen Produktionsstandards entsprechen.” Er fordert daher Systemkorrekturen. 

Entscheidend sei, dass die heimischen Qualitätserzeugnisse sowohl in ausreichender Menge als auch zu fairen Preisen abgenommen werden – und dass die Herkunft der Produkte klar ersichtlich ist. Dazu bekräftigte er seine Forderung an Gesundheitsminister Anschober erneut , “die verpflichtende Herkunftskennzeichnung gemäß Regierungsprogramm endlich umzusetzen.”

Gemeinsam aus der Krise

Die Wintertagung geht noch bis 28. Jänner und findet heuer aufgrund der Pandemie erstmals vollkommen online statt. Das Ökosoziale Forum macht sich dabei mit den Teilnehmern auf die Suche nach Lösungsansätzen für eine nachhaltige und zukunftsfitte Wertschöpfungskette.  Alle neun Fachtage stehen online und kostenfrei als Live-Webinare zur Verfügung und werden durch Beiträge in der Mediathek erweitert und ergänzt. Am Freitag wird beim Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau über die Sicherheit und Stabilität des Ernährungssystems diskutiert. 

(red.V.S.)

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