„Bauern müssen ein Einkommen erzielen können“

Max Hiegelsberger ist seit zehn Jahren Agrarlandesrat in Ober-österreich. Im Interview mit der BauernZeitung zieht er Bilanz und spricht über bereits umgesetzte sowie notwendige zukünftige Projekte. Er fordert die Ausweitung der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung auf Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie, die Offenlegung der Bonitäten des Handels sowie die verfassungsrechtliche Verankerung der Eigenversorgung mit Lebensmitteln.

BauernZeitung: Zehn Jahre Landesrat Max Hiegelsberger – wie lässt sich die Dekade in einem Satz zusammenfassen?

Hiegelsberger: Spannend, intensiv und mit vielen positiven Elementen.

Bei Ihrer Angelobung hat Ihnen Alt-Landeshauptmann Josef Pühringer einen Nussknacker als symbolisches Geschenk überreicht. Welche war die härteste Nuss, die Sie bislang zu knacken hatten?

In der Landwirtschaft war es die Schaffung eines agrarischen Studiengangs an der FH Wels und im Gemeindebereich die völlige Neuaufstellung der Gemeindefinanzierung – da sind zwei Meilensteine gelungen.

Rückblickend betrachtet: Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden?

Die Wahrheit ist immer eine Tochter der Zeit. Natürlich gibt es einzelne Bereiche, wo man sich im Nachhinein denkt: Eine andere Entscheidung wäre vielleicht besser gewesen. Aber in der jeweiligen Situation, aus dem damali­gen Blickwinkel und mit dem vorhandenen Wissensstand betrachtet, waren es die richtigen Entscheidungen.

Inwiefern hat sich die Land- und Forstwirtschaft seit Ihrem Amtsantritt verändert?

Es wird immer alles noch professioneller. Die Betriebe spezialisieren sich und daher steigen auch die Anfor­derungen. Trotzdem gelingt es uns über weite Strecken gut, dass wir die Strukturen und damit auch die Bewirtschaftung in den benachteiligten Gebieten aufrechterhalten.

Was waren die drei wichtigsten Projekte, die unter Ihrer Führung des Agrarressorts umgesetzt wurden?

Erstens: die Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Fachschulen hin zu Agrarbildungszentren. Hier geht es nicht um die Standorte bzw. die Reduktion, sondern um die Erhöhung der Qualität. Zweitens: die öffentliche
Unterstützung für Tierversicherungen. Für Oberösterreich, als das Tierhaltungsbundesland Nummer Eins, ein Projekt von immenser Bedeutung. Drittens: die Ausrichtung der öffentlichen Küchen Richtung Regionalität und Bio in Verbindung mit dem dyna­mischen Beschaffungswesen. Das wird die größte positive Auswirkung auf die oberösterreichische Landwirtschaft haben.

Und was ist das wichtigste Projekt für die Zukunft?

Ganz klar die Herkunftskennzeichnung. Es braucht ein natürliches Bekenntnis zu heimischen Lebensmitteln. Der erste Schritt geht Richtung verarbeitete Produkte und wird vom zuständigen Minister Anschober hoffentlich so rasch als möglich umgesetzt. In weiterer Folge braucht es aber auch eine Ausweitung der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung auf die Gemeinschaftsverpflegung und in der Gastronomie. Dort wo man das Land schätzt, muss es auch zur Selbstverständlichkeit werden, dass man die dort erzeugten Produkte konsumiert.

Sie haben vergangenes Jahr den Strategieprozess „Zukunft Landwirtschaft 2030“ initiiert. Wie soll die oberösterreichische Landwirtschaft in zehn Jahren aussehen und welche Weichenstellungen braucht es dafür?

Das Wichtigste ist: Die zukünftige Landwirtschaft muss eine Einkommensmöglichkeit für den bäuerlichen Familienbetrieb sicherstellen. In Europa wird die Form wie wir in Österreich Landwirtschaft betreiben – nämlich unter Sicherung der Lebensgrundlagen Wasser, Luft und funktionaler Böden – als Vorzeigemodell gesehen. Es braucht aber jetzt endlich auch das Bekenntnis des Marktes dazu, dass dies abgegolten wird. Denn am Ende können sich Bäuerinnen und Bauern nur für den Beruf und die Weiterführung des Betriebes entscheiden, wenn sie ein Einkommen erzielen können. Wenn das Produkt wertgeschätzt wird, ist der Weg zur Wertschätzung der bäuerlichen Arbeit nicht mehr weit. Das ist schließlich auch die Grundlage für den Tourismus und die ländliche Entwicklung.

Sie haben bereits wiederholt gefordert, dass es eine gerechtere Aufteilung entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette braucht. Wie kann das gelingen?

Es gibt eine enorme Konzentrierung am Lebensmittelmarkt. Vier große Ketten teilen sich mittlerweile 90 Prozent des Marktes. Dem muss auch ein Segment im Verkauf gegenüberstehen, das auch die Größenordnung abbilden kann. Ich denke, dass man über Branchenlösungen garantiert noch vieles bewegen kann. Die Bündelung des Angebotes wie beispielsweise bei der Rinder- oder Schweinebörse zeigt das ja bereits. Es kann jedenfalls nicht sein, dass sich der Handel mit einem gewaltigen Plus an Umsatz und Gewinn brüstet und parallel dazu die landwirtschaftlichen Einkommen sinken. Am Ende muss der Wertschöpfungsanteil sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Verarbeitung wieder steigen. Hier stimmen gewisse Werte und Verhältnisse einfach nicht mehr.

„Wegen der Marktmacht des Handels braucht es vermehrt Branchenlösungen.“

Der Lebensmittelhandel wird aber nicht freiwillig etwas von seinem großen Tortenstück abgeben…

Das Thema Regionalität und das Bewusstsein, was bäuerliche Betriebe für das gesamte Land an Leistungen erbringen, sind dabei ganz wesentlich. Hier müssen wir die Konsumenten erreichen, dann steigt auch die Nachfrage nach heimischen Produkten. Es darf jedoch nicht sein, dass der Lebensmittelhandel regionale Produkte preislich verramscht. Es braucht eine neue Fairness im Zugang des Lebensmittelhandels auf die heimische Landwirtschaft. Die Verarbeitungsbetriebe müssen ihre Bonitäten gegenüber dem Handel offenlegen. Ich wäre dafür, dass bei den Grundprodukten auch der Handel seine Kalkulationen offenlegen muss.

„Der Handel soll bei Grundprodukten seine Kalkulationen offenlegen.“

Durch Corona wurde augenscheinlich, wie wichtig regionale Versorgung mit Lebensmitteln ist, wenn plötzlich Grenzen zugehen. Wie kann die Selbstversorgung langfristig sichergestellt werden?

Das ist eigentlich nur durch gesetzliche Regelungen möglich. Wir müssen die Eigenversorgung mit agrarischen Rohstoffen und Lebensmitteln verfassungsrechtlich verankern. Das ist für einen neutralen Staat wie Österreich von höchster Bedeutung.

Wird die Krise bei den Konsumenten auch langfristig zu einem Umden­ken führen, oder wird zukünftig doch wieder der Preis das entscheidende Kaufkriterium sein?

Unser Anspruch ist es, dass wir alle Bevölkerungsgruppen mit qualitativen Lebensmitteln versorgen wollen. Es braucht aber auch Preiseinstiegsprodukte. Aber für höherwertige Produkte muss beim Landwirt einfach mehr Geld ankommen. Alleinstellungsmerkmale in der Produktionsweise wie beispielsweise die GVO-Freiheit bei Milch, Eiern oder Geflügel müssen auch bei den Bäuerinnen und Bauern Niederschlag in der Bezahlung finden.

„Wir müssen die Eigenversorgung mit Lebensmitteln gesetzlich in der Verfassung verankern.“

Die OÖVP will „Oberösterreich wieder stark machen“ – welche Möglichkeiten gibt es, um die Landwirtschaft bzw. die Bäuerinnen und Bauern in unserem Bundesland zu stärken?

Das Land Oberösterreich bekennt sich in den öffentlichen Küchen verstärkt zu heimischen Lebensmitteln und deren Verarbeitern. Denn regionaler Einkauf bedeutet übersetzt ländliche Entwicklung. Hier geht es nicht ausschließlich um die Landwirtschaft, sondern auch um die kleinen Betriebe des Lebensmittelhandwerks.

Laut Landeshauptmann Thomas Stelzer sieht der „Oberösterreich-Plan“ auch „frisches Geld für Investitionen in die Landwirtschaft“ vor?

Wir befinden uns derzeit in guten Verhandlungen mit unserem Landeshauptmann. Ich gehe davon aus, dass die Bäuerinnen und Bauern mit spä-testens 1. Jänner 2021 wieder die
Investitionsförderung beantragen
können.

Abschließend: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

In der Politik weiß man nie genau, wo man landen wird. Mir ist es einfach wichtig offen dafür zu sein was kommt.

- Bildquellen -

  • Hiegelsberger: BZ/Mursch-Edlmayr
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