Monika Gruber ist überzeugt: „Die gegenwärtige Krise hat keineswegs zur Verbesserung des Miteinanders geführt, sie hat die Blödheit einiger eher noch verschlimmert.“ Was die wortgewandte Kabarettistin, eine bayerische Bauerntochter, ebenfalls stört: „Das andauernde Niedermachen der eigenen Landwirtschaft“.

Wer schützt die Bauern vor Ökoextremisten und hysterischen Städtern? Dieser Frage widmet sich Gruber in ihrem neuen Buch „Und erlöse uns von den Blöden.“ Darin beschreibt sie, wenn sie „nach TV-Talkshows von Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Anne Will wieder einmal den Drang verspürt, meinen Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen“. Oder Erlebnisse, die sie „konsterniert zurücklassen“, etwa als sie den Online-Kommentar einer Journalistin gelesen hatte, die während einer Demonstration von Landwirten in Berlin in einen Stau geraten war. Darüber war die Dame so erbost, dass sie folgenden Kommentar auf Twitter postete: ‘Ich werde nie wieder etwas kaufen, was von einem Bauern produziert wurde!’ Wenn ich diese Anekdote im Freundeskreis erzähle, lasse ich an dieser Stelle immer eine längere Pause, um die ganze Tragweite dieses Satzes richtig sacken zu lassen.“
Was Gruber wurmt: „Hier veröffentlichte eine ausgebildete Journalistin einer deutschen Tageszeitung, bei der davon auszugehen ist, dass sie zumindest nicht in allen Biologiestunden gefehlt haben dürfte, ihren intellektuellen Offenbarungseid.“ Der von Gruber erwartete „Shitstorm für den Satz, der es unter die Top 3 meiner Rangliste der dümmsten Sätze, die ich jemals schwarz auf weiß gelesen habe, geschafft hatte“, blieb aus. „Stattdessen gab es Lob und Verständnis von jenen, die solidarisch beschlossen, sich in Zukunft anscheinend ebenfalls nur noch von PU-Schaum und Concealer zu ernähren. Gut, ich gebe zu: Ich als Kind eines Landwirts reagiere auf solche Aussagen vielleicht etwas sensibler als die meisten meiner Mitmenschen.“

Hornhaut statt Gespür

Am liebsten wäre Gruber „umgehend nach Berlin gefahren und hätte der Dame vorgeschlagen, ein veganes Restaurant am Wildtiermarkt in Wuhan zu eröffnen“. Die ganze Geschichte erinnerte sie übrigens an einen Satz eines Kardiologen: „Die Menschen in Deutschland entfernen sich immer weiter von sich selbst.“ Oder, wie ihre Freundin Anni immer zu sagen pflegt: „Da, wo die Leut früher ein G’spür g’habt ham, da ham’s jetzt a Hornhaut!“ Gruber: „Dem stimme ich vollkommen zu, würde aber noch ergänzen, dass sich dabei eine signifikante Spaltung in Stadt- und Landbevölkerung auftut.“
Gerade die Corona-Krise habe gezeigt, „dass Großstädter und Menschen aus Ballungsräumen weniger gut mit einer Ausnahmesituation zurechtkommen und deutlich aggressiver reagieren als die Menschen auf dem Land, auf geschlossene Kitas und Notbetreuung in Schulen, Homeoffice und Einlasssperren in Bau- und Supermärkte. Während viele Großstädter eher dazu neigen, auf die Landbevölkerung herabzuschauen, erweist sich diese – weil sozialisiert in Vereinen, Gruppierungen und in einer gemischten Nachbarschaft lebend – als pragmatischer und nervlich belastbarer.“ Umso mehr nervt Gruber „die Stigmatisierung von Landwirten als pauschale Volldeppen, Landschaftsvernichter, Umweltvergifter, Subventionsbittsteller und Tierquäler“. Dies sei „nicht nur äußerst dumm, sondern wird vor allem von Menschen unternommen, die keinerlei Berührungspunkte zur Landwirtschaft haben und in der Regel eine Egge nicht von einer Walze unterscheiden können“. Oder, wie ihr Bruder, ein Teilzeitlandwirt, immer meint: „98 Prozent der Deutschen wissen, wie Landwirtschaft funktioniert, aber nur 2 Prozent führen sie aus.“

„98 Prozent der Deutschen wissen, wie Landwirtschaft funktioniert, aber nur 2 Prozent führen sie aus.“

Gruber selbst habe Zeit ihres Lebens „ausschließlich Landwirte kennengelernt, denen das Wohl der Natur und das ihrer Tiere am Herzen lag. Von sich aus käme der gemeine Bauer etwa nie auf die Idee, lediglich Brust oder Filet eines Tieres zu verspeisen, weil ihm der Rest nicht hochwertig genug erscheint. Stattdessen verputzt er mit seiner Familie das ganze Viech – ‚from head to tail’, also alles vom Kopf bis zum Schwanz.“ Weil ihm „dieser Respekt vor einem Nutztier von seinen Vorfahren so beigebracht wurde und nicht etwa von Jamie Oliver. Bei uns wird auch noch gekocht: Wir essen vorwiegend Gemüse aus dem eigenen Garten und Mehlspeisen. Fleisch gab es selbst bei Rindermastbetrieben wie dem unseren nur ein- bis zweimal in der Woche. Ja, wir waren als Rinderzüchterfamilie quasi Flexitarier, noch bevor es diesen Begriff überhaupt gab.“

Fachkräfte für Empörung

Sie kenne auch „keinen Landwirt, der gemäß der landläufig kolportierten Meinung tonnenweise Kunstdünger oder Pestizide auf seine Äcker schüttet, weil dies a) unfassbar teuer und b) komplett sinnbefreit wären, denn der Grund dient meist bereits vielen Generationen als Arbeits- und Lebensgrundlage. Dieses wertvolle und unersetzliche Gut gilt es, zu erhalten und nicht zu vernichten. Kein Bauer wäre so dumm, den Ast abzusägen, auf dem er sitzt. Angeblich haben ja die dümmsten Bauern immer die größten Kartoffeln.
Aber auch große Kartoffeln wachsen nur auf gut gehegten und gepflegten Böden, die mit Bedacht bepflanzt, bearbeitet und gedüngt werden.“ Den besten Beweis für diese These lieferte laut Gruber „tatsächlich einmal mehr die Hochphase der Corona-Pandemie: Durch das Herunterfahren der Wirtschaft und der Freizeitaktivitäten, die Reduzierung des Flugbetriebes, der Schifffahrt und des Autoverkehrs wurden Gewässer und Luft messbar sauberer. In genau dieser Zeit machten allerdings die Landwirte weiter wie bisher: Sie bestellten ihre Felder, düngten, spritzten gegen Unkraut und fuhren Gülle aus. Und trotzdem erholte sich die Natur merklich. Sollten etwa nicht die viel gescholtenen Landwirte, sondern doch Industrie, Wirtschaft und private Endverbraucher die größeren Umweltverschmutzer sein?“
Sie traute jedenfalls ihren Ohren nicht, als sie „Renate Künast, Empörungsfachkraft der Grünen, schwafeln hörte: ‚Der Grund für die Pandemie ist die falsche Art und Weise, wie wir unsere Nahrungsmittel produzieren, Landwirtschaft betreiben und mit der Umwelt umgehen.’ Ich bin sicher, der Deutsche Bauernverband verbot seinen Mitgliedern noch am selben Tag den Verkauf von Fledermäusen und Schuppentieren auf sämtlichen Wochen- und Bauernmärkten, während Frau Künast bereits in Kongo weilte, um den dortigen Virologen zu verkünden, der neuerliche Ausbruch von Ebola sei auf das Tragen von allzu farbenfroher Kleidung der weiblichen Bevölkerung zurückzuführen.“ Das „andauernde Niedermachen der eigenen Landwirtschaft bei gleichzeitigem Öffnen des Marktes etwa für das viel gepriesene Fleisch von argentinischen Rindern, die zwar im Freien gehalten, aber dort mit Lastwagenladungen voll Kraftfutter und Antibiotika vollgestopft werden, ist für jeden deutschen Landwirt nur schwer erträglich“, schreibt Gruber. „Zumal es wohl – außer der Gastronomie – keine Branche gibt, in der die Beschäftigten Wochenstunden im dreistelligen Bereich leisten, nur um am Ende des Lebens eine Rente zu bekommen, mit der man hierzulande de facto unterhalb der Armutsgrenze landet. Und wer sich fragt, warum das Zusammenleben von mehreren Generationen auf dem Land im Gegensatz zur Stadt immer noch funktioniert, dem sei gesagt, dass dies unter anderem auch einen wirtschaftlichen Grund hat: Mit einer landwirtschaftlichen Rente wie der meiner eigenen Eltern kann man sich in Oberbayern vielleicht eine Parkbank mieten, aber ganz sicher keine Wohnung.“

An der Ladentheke zählt nur billig, billig, billig

Denjenigen, die „den Landwirten stets ihre ach so hohen Subventionen, die sie angeblich kassieren, vorwerfen“, möchte Gruber folgenden Vergleich auf den Weg geben: In den 1960er-Jahren bekam ein Bauer für eine ausgewachsene Sau mit rund 100 Kilogramm einen Durchschnittspreis von 300 Mark. Heute, knapp 60 (in Worten: sechzig) Jahre danach, bekommt ein Landwirt für eine ebensolche im Schnitt 230 Euro. Das ist nicht mal das Doppelte. Viele von den Menschen, die sich – vollkommen zu Recht – über die Zustände in Großschlachtereien wie der Firma Tönnies entrüsten, haben ironischerweise kein Problem damit, ein Pfund Hack im Discounter zu kaufen, das regulär gerade mal 99 Cent kostet.
Wenn alle doch ständig betonen, dass sie bereit sind, für Biofleisch viel mehr Geld auszugeben, wie kommt es dann, dass der entsprechende Bioanteil in Deutschland für Schweinefleisch 1,4 Prozent, für Geflügel 1,8 Prozent und für Rind 4,4 Prozent beträgt. Sind wir offensichtlich doch (fast) alle Heuchler und Pharisäer, die Wasser predigen und Wein saufen, beziehungsweise in diesem Fall erstklassiges Fleisch aus kontrolliert ökologisch verträglicher Tierhaltung predigen, aber Transglutaminaseschnitzel und Formschinken fressen? Beim Einkauf an der Ladentheke zählen nur die drei bekannten Kriterien: billig, billig und billig. Mit einer Genussreise nach Andalusien, dem neuesten SUV-Modell und dem aktuellen iPhone lässt sich eben doch schicker posen als mit der Papiertüte eines örtlichen Kleinmetzgers.“

Die Politik ebnete den Weg…

Heute bekommt man einen Liter Milch bereits für 69 Cent. Für die auf einem Bauernhof groß gewordene „Gruaberin“ steht somit fest: „Die Bauern werden ausgepresst. Wenn man bedenkt, dass nirgendwo in Europa die Preise für Lebensmittel so günstig sind wie in Deutschland, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn der Satz, den die eingangs erwähnte Journalistin aus Berlin zum Besten gab, irgendwann bittere Realität wird: Wir werden vermutlich in absehbarer Zeit tatsächlich auch nichts mehr essen, was von einem Bauern kommt. Denn diese Bauern werden von Politik und Discounterketten vernichtet, sodass wir uns irgendwann mit Nahrungsmitteln zufriedengeben werden müssen, die in Fabriken von Konzernen wie Aldi oder Lidl oder gar Amazon oder Google produziert werden.“
Auf der anderen Seite wäre es laut Gruber „natürlich interessant zu wissen, wie jene Hauptstadtjournalistin sich künftig ernähren wird – ganz ohne Eier, Milch, Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, Salat, Obst oder Getreideprodukte. Ja, sie könnte sich ihre synthetisch-frutarische Ernährung aus frittierten Algenchips, gerösteten Eicheln und Analogkäse aus Sojaproteinen nicht einmal mehr schön saufen. Denn Hopfen und Weintrauben kommen dummerweise, genau, aus der guten alten Landwirtschaft.“


Monika Gruber (49), aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof nahe Erding, gehört zu den gefragtesten Kabarettistinnen im deutschen Sprachraum. Alle zitierten Textpassagen stammen aus ihrem neuen Buch.

Monika Gruber und Andreas Hock, „Und erlöse uns von den Blöden“, 240 Seiten, Preis 20,60 Euro, EAN: 978-3-492-07500-8.

- Bildquellen -

  • Monika Gruber: Tibor Bozi
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