Die Herde wird tagsüber von zwei Hirten mit Hütehunden begleitet.

Wenige Kilometer nördlich von Saragossa, der Hauptstadt Aragoniens, steht der Aussiedlerhof von Antonio Enfedaque. Der 61-Jährige betreibt einen für die Region typischen Mutterschaftsbetrieb mit Weidehaltung. Mit seinen Söhnen (23 und 29 Jahre alt) und einer weiteren Arbeitskraft kümmert er sich um 3.000 Muttertiere auf zwei Betriebsstandorten. „Da dauern die Tage im Schnitt schon an die 14 Stunden“, erzählt er. Trotzdem könne er sich keinen anderen Beruf vorstellen. Schon immer habe er mit Tieren gearbeitet. „Das ist mein Leben“, erklärt er stolz.

250.000 Umsatz, aber keine Förderungen

Früher habe er Rinder und Schweine gemästet, mit dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Union jedoch auf Schafhaltung umgesattelt. Das sei den Bauern in seiner Region damals empfohlen worden.

Quelle: BZ/Wieltsch
Antonio Enfedaques Hofstelle wenige Kilometer nördlich von Saragossa.

Heute würde sich Enfedaque mehr Wertschätzung von der Gesellschaft für seine Arbeit wünschen. Immerhin sei es die Schafhaltung, die die Landschaft der Region erhalte und auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze generiere. Antonio Enfedaque zeichnet für die Beweidung von 4.300 Hektar Nutzfläche verantwortlich. Dabei handelt es sich um Allmende- Flächen, also Weiden und Felder, die von den Gemeinden verwaltet den Bauern zur Nutzung überlassen, jedoch nicht verpachtet werden. Mit Ausnahme der unmittelbaren Flächen um die Hofstelle besitzt Enfedaque selbst kein eigenes Land.

Mit der Produktion von Lämmern setzte er 2022 ingesamt rund 250.000 Euro um. Fördergelder aus den Brüsseler Agrartöpfen sind darunter allerdings keine. „Dazu müsste ich eigene Flächen besitzen“, so der Schafhalter. Wie viele seiner Berufskollegen würde auch er sich eine Förderung pro Mutterschaf wünschen. Eine Forderung, die bisher in Madrid und Brüssel auf taube Ohren stößt.

Extensiv und intensiv zugleich

Die Haltungsform, wie Enfedaque sie betreibt, ist dabei durchaus gewollt. Seine Schafe stehen ganzjährig auf der Weide. „Sie lammen auch hier draußen“, merkt er an. Die Tiere gehören zur regional typischen „Rasa Aragonesa“, eine hornlose, asaisonale Schafrasse, die mit ihrem unbewollten Kopf und Bauch wie ein Milchschaf anmutet.

Quelle: BZ/Wieltsch
Unbewollter Kopf und Bauch sowie ein insgesamt lockerer Wollstapel. Die mittelschwere, asaisonale Rasa Aragonesa ist an die Bedingungen im Norden Spaniens angepasst.

Die Tiere seien sehr widerstandsfähig, erzählt der Schafbauer, sie halten sowohl den kühleren Wintertemperaturen als auch den heißen spanischen Sommermonaten im Freien gut Stand. Um den Überblick über seine Herde zu behalten, sind alle Schafe mit einem Bolus versehen. Der gibt in Echtzeit die wichtigsten Daten des Tieres aus, so auch das letzte Ablammdatum.

 

Im Schnitt bringen Enfedaques Schafe alle acht Monate ein bis drei Lämmer zur Welt, welche die ersten 40 Lebenstage mit dem Muttertier auf der Weide verbringen. Danach werden sie eingestallt und am Hof mit einer Ration aus Stroh und Kraftfutter gemästet, bis sie mit drei Monaten ihr Schlachtgewicht erreichen. Enfedaques Herde wird üblicherweise von zwei Hirten samt Hunden gehütet.

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Nach dem Absetzen stehen die Lämmer im Stall und erhalten Stroh und Kraftfutter ad libitum.

Die Nacht verbringen die Schafe in mit Elektrozäunen gesicherten Pferchen. Gefragt nach Angriffen durch Wölfe antwortet der Schafbauer: „Wir selbst hatten noch keine Risse, es ist aber nur eine Frage der Zeit.“ Berufskollegen einige Ortschaften weiter seien bereits betroffen und versuchen nun mit höheren Zäunen gegenzusteuern. Doch der Schafzüchter winkt ab: „Was der Markt derzeit an Zaunlösungen bietet, ist sicherlich nicht ausreichend.“

 

„50 bis 100 Schafe weder mechanisierbar noch effizient“

Andere Herausforderungen, die Enfedaque umtreiben, sind die Trockenheit, die ihn zum Ausweichen auf bewässerte Flächen zwingt, und immer wieder auch die kostendeckende Vermarktung seiner Lämmer. Deshalb brachte sich der Spanier auch früh in die 1981 gegründete Genossenschaft „Oviaragon – Grupo Pastores“ ein.

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Auch die verwendeten Boli samt benötigter Technik stellt die Genossenschaft zur Verfügung.

Die ursprünglich von 20 Schafhaltern gegründete Vereinigung hat sich gänzlich der Professionalisierung der Lammfleischproduktion verschrieben. Heute zählt Oviaragon 800 Mitgliedsbetriebe, die jährlich 400.000 Lämmer erzeugen und dabei eine Million Hektar Weiden pflegen. In den gut 40 Jahren seit der Einführung seien die Herden der Mitglieder kontinuierlich gewachsen, heißt es aus der Chefetage der Grupo Pastores. 500 bis 800 Tiere seien heute üblich, das habe „ganz praktische Gründe“, denn „Herden von 50 bis 100 Schafen mögen nett sein für den Tourismus, aber sind weder mechanisierbar noch effizient“, ist man in Aragonien überzeugt.

Den Bauern garantiert Oviaragon nicht nur die Abnahme der Lämmer, sondern unterstützt sie mit abgestimmten Kraftfutterkomponenten sowie regelmäßigen Besuchen durch eigens angestellte Betreuungstierärzte. Weiters werden ein Service für Fruchtbarkeitsmanagement und künstliche Besamung, zur Schur sowie Futtermittel bei Dürre geboten. Kerngeschäft sei und bleibe aber die Vermarktung, wie man mehrfach betont. 6.000 Tonnen Lammfleisch schlägt die Genossenschaft jährlich um und übernimmt Schlachtung und Aufbereitung für den Handel. Man beliefert 800 Fleischhauer, alle großen Supermarktketten im Land sowie auch den EU- Binnenmarkt und das unter der seit 1989 geschützten geografische Angabe „Ternasco de Aragon“.

Das meistverkaufte Lammfleisch Spaniens

Dieses sei mittlerweile das meistverkaufte Lammfleisch Spaniens, das in seiner Produktion bestimmten Anforderungen genügen muss. So dürfen nur Lämmer regional typischer Rassen (wie Enfedaques Rasse Rasa Aragonesa) für die Produktion gemästet werden.

Quelle: BZ/Wieltsch
Ternasco de Aragon ist das meistverkaufte Lammfleisch Spaniens. Es gilt als Delikatesse.

Die Tiere müssen 40 Tage lang Muttermilch erhalten und mit spätestens 90 Tagen und einem Schlachtgewicht von 8 bis 12,5 Kilogramm geschlachtet werden. „Für das Ausland mästen wir auch etwas schwerer.“ Das Lammfleisch aus Aragonien besteche durch Zartheit und ausgeglichenen Geschmack. Es sei das ideale Produkt für den umweltbewussten Konsumenten von morgen, beteuern die Manager und sehen sich damit für die Zukunft bestens gerüstet.

 

- Bildquellen -

  • Hofstelle: BZ/Wieltsch
  • Rasa Aragonesa: BZ/Wieltsch
  • Endmast im Stall: BZ/Wieltsch
  • Auslesegerät: BZ/Wieltsch
  • Ternasco de Aragon: BZ/Wieltsch
  • Schafherde: BZ/Wieltsch
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AUTORClemens Wieltsch
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