„Kirche vor Ort lebt durch die Menschen“

Wie ein Landpfarrer nicht nur rund um Ostern den Corona-Alltag erlebt. Pater Altmann Wand im Gespräch über fehlendes Handreichen, das Pfarrleben auf Sparflamme, das erzwungene Ausbleiben von Kirchgängern und welche Osterbotschaft er heuer bewusst ausgewählt halt.

Pater Altmann: „Ich habe im ersten Lockdown auch Messen völlig allein gehalten, auch die Osterliturgie. Das war für mich ehrlich gesagt trostlos. Aber es war notwendig und hat so sein müssen.“ FOTO: Wilfried Breitler

BauernZeitung: Wie sehr hat die Corona-Pandemie den Alltag der Menschen, ja vielleicht sogar sie selbst radikal verändert. Und wie sehr den Ihren, Sie selbst?
Pater Altmann: Mir kommt vor, dass sich die Menschen einerseits schon daran gewöhnt haben. Ich merke in meinem Umfeld, dass Abstandhalten sehr gut funktioniert. Es wird nicht mehr die Hand gereicht, weder beim Gottesdienst noch am Kirchenplatz. Das Handgeben war bisher gerade im ländlichen Raum eigentlich selbstverständlich. Und es gibt mehr Flexibilität, etwa was die Vorbereitung auf Firmungen oder Erstkommunion betrifft, weil ja vieles mit Fragezeichen versehen ist und sich manches binnen kürzester Zeit wieder völlig anders darstellen kann als geplant.

Stichworte Existenzängste, Gesundheit und Alltagsnöte: Mit welchen Seelsorgen werden Sie konfrontiert? Und wie geben Sie anderen Halt?
Ganz unterschiedlich. Mit tiefsitzenden Ängsten wurde ich bisher nicht konfrontiert, weder als Pfarrer noch privat. Aber vielleicht lenken sich die Leute am Land eher und leichter ab durch ihre Beschäftigung im Freien, in der Natur. Da reicht oft ein Gespräch trotz Lockdowns mit den Nachbarn über den Gartenzaun. Anfangs hatten wir Telefonseelsorge angeboten, aber es gab kein einziges Gespräch etwa wegen Einsamkeit. Kollegen aus dem städtischen Bereich haben mir da ganz anderes berichtet. Da ist das Leben im Dorf offenbar noch anders.

Auch bei den Heiligen Messen ist vieles anders als früher. Gesperrte Kirchenbänke, zwei Meter Abstand, kein Händeschütteln beim Friedensgruß, über viele Wochen hinweg überhaupt keine Messen. Was bedeutet das für Sie als Pfarrer, wenn sie allein in der Kirche am Altar stehen?
In meinen beiden Pfarrgemeinden feiern wenn möglich doch noch viele den Gottesdienst. Aber es stimmt, es war auch für mich ungewöhnlich, nur noch vor einem Drittel der üblichen Kirchgänger zu predigen, die sich übrigens dazu anmelden müssen. Ich habe im ersten Lockdown aber auch Messen völlig allein gehalten, im vergangenen Jahr auch die Osterliturgie. Das war für mich ehrlich gesagt trostlos. Kirche vor Ort, die christliche Gemeinde, lebt durch die Menschen, die da sind, mitfeiern, mitsingen und sich beteiligen. Ich war nicht deprimiert, aber es war ganz ein anderer Feiercharakter in den beiden kleinen Dorfkirchen. Aber es war notwendig und hat so sein müssen. Mit einzelnen Ausgewählten wollte ich auch keine Gottesdienste feiern, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Jetzt dürfen die Leute kommen, mit zwei Metern Abstand und Maske. Auch das war anfangs befremdend, weil man auch über die Mimik kommuniziert. Nun sieht man nur noch die Augen, Reaktionen etwa auf meine Predigten sind da schwieriger abzulesen. Aber auch daran gewöhnt man sich interessanterweise.

Wie groß ist eigentlich Ihre Gemeinde? Und was ist Ihnen als Pfarrer erlaubt, was anders als früher definitiv untersagt?
Kleinzell zählt an die 600 Katholiken, Rohrbach an der Gölsen hat gut 1.350 Katholiken. Also zwei Dorfgemeinden. Die Spendung von Sakramenten läuft, wenn auch anders, auch reduzierter. Erlaubt sind Gottesdienste, Taufen beginnen wieder, Eheschließungen gibt es derzeit kaum. Mich befremdet vor allem der fehlende, weil nicht erlaubte Gesang. Wir haben gerne gesungen, das ist daher ein großer Einschnitt. Und viele nutzen derzeit die Angebote über Fernseher und Radio, die ich sonst regelmäßig in der Kirche gesehen habe. Das sagen sie zumindest. Und ich glaube ihnen das auch.

Wie sieht es derzeit aus mit Hausbesuchen?
Die sind möglich, aber mit strengeren Auflagen, gut abgeklärt mit Angehörigen. Ich bin jeden Monat mehrfach unterwegs mit der Krankenkommunion, besonders auch vor Weihnachten und jetzt Ostern.

Begräbnisse gibt es nur im kleinsten Kreis. Wie schwierig ist Seelsorge speziell bei traurigen Anlässen, dem Abschied für immer?
Derzeit dürfen 50 Personen an einem Requiem in der Kirche teilnehmen. Das ist am Land eine Herausforderung, wenn der Verstorbene gesellschaftlich besonders engagiert und im Dorfleben integriert gewesen ist. Am Beginn der Pandemie waren sogar nur fünf Trauernde am Friedhof erlaubt. Wir stellen auch frei, eine Totenmesse erst nach der Beerdigung abzuhalten. Gerade bei Begräbnissen hat aber die traditionelle Form einen Stellenwert.

Auch freudige Anlässe sind rar: keine Trauungen, verhinderte Taufen, abgesagte Feste, das Pfarrleben auf Sparflamme. Wie steuern Sie dagegen an?
Wir schöpfen den Rahmen des Möglichen aus, zuletzt in der Fastzeit mit „Fastensuppe to go“ oder am Palmsonntag und so oft es geht mit Gottesdiensten im Freien. Da können dann auch mehr Personen teilnehmen. Statt Kinderweihnacht und Nikolofeier gab es von uns Videos auf Youtube und wir versuchen auch, über Instagram junge Leute zu erreichen. Das ist am Land nicht anders als in der Stadt, diese Accounts betreue ich selber, um zu zeigen: Es gibt uns.

Wie groß ist der Unmut darüber, wie ausgeprägt das Verständnis nach einem Jahr Corona?
Unterschiedlich. Ich treffe zwar viele Menschen, aber auch viele nicht mehr, weil sie mir seit einem Jahr nicht mehr untergekommen sind, wie früher zufällig beim Bäcker, im Supermarkt oder am Dorfplatz. Daher ist meine Beobachtung eine sehr subjektive. Ich denke, es gibt Verständnis für die Pademie-Regeln, aber auch Unverständnis, und es ist nicht festzumachen an Berufs- oder Altersgruppen, es zieht sich quer durch. Die große Wut verspüre ich in meinem Umfeld aber keinesfalls. Ich glaube, das Nebeneinander unterschiedlicher Meinungen etwa über den „Mundfetzen“, wie man oft hört, erlebt derzeit jeder im eigenen Freundeskreis.

Glauben Sie, es wurde im vergangenen Jahr wieder mehr gebetet als sonst?
Das traue ich mich nicht zu sagen, weil man in das Innere der Menschen nicht hineinschauen kann. Ich vermute es aber, etwa am Beginn, als uns gewisse Schreckensbilder via Fernsehen erreicht haben, an die wir uns aber vermutlich gewöhnt haben. Es heißt ja nicht von ungefähr: Not lehrt beten.

Wie schwer ist es auch für Sie, andere nicht wie früher in den Arm nehmen zu können?
Persönlich fällt mir das nicht so schwer. Umarmungen kommen im Betätigungsfeld eines Pfarrers ja eigentlich nicht vor. Meine Mutter habe ich zu ihrem Geburtstag umarmt. Aber die ist Altenpflegerin und lässt sich so wie ich sehr regelmäßig testen. Aber die Hand geben wir uns in der Familie derzeit nicht.

Gibt es irgend etwas, das durch die Pandemie vielleicht sogar besser geworden ist?
Ja, man ist weniger gehetzt, weil eben viele Termine, die man früher wahrgenommen hat, wegfallen. Mir bleibt etwa mehr Zeit für meinen Gemüsegarten, den ich mit meiner Haushälterin betreue. Es ist alles etwas entspannter.

Hat Corona auch den Zusammenhalt der Menschen verstärkt?
Ich hoffe es stark, weiß es aber nicht. Die Anfangseuphorie, dass nun alles zum Besseren kommt und die Gesellschaft die „Basics des Lebens“ hinterfragen, von ihrer materialistischen Oberflächlichkeit ablassen und sich radikal neu orientieren wird, habe ich aber nie geteilt. Dazu ging es bei uns den meisten zu wenig an die Substanz. Trotz aller Einschränkungen und auch wirtschaftlicher Probleme musste etwa niemand wirklich Hunger leiden. Einmal nicht zum Haarschneider gehen zu können, das überlebt man…

Manche fürchten, dass sich die Zahl der Kirchenbesucher auf Dauer nicht von der Corona-Krise erholen wird. Teilen Sie diese Angst?
Angst habe ich nicht, aber ich vermute es auch. Das trifft aber nicht nur die Kirche, auch viele Vereine.

Vor allem Jugendliche, heißt es, seien in der momentanen Krise besonders auf der Suche nach Antworten. Sind sie auch offener betreffend Glauben und gegenüber Gott?
Jugendliche sind immer Suchende. Ob sie durch Corona offener geworden sind, kann ich nicht beantworten. Wünschen würde ich es mir.

Gab es im vergangenen Jahr ein Erlebnis, aus dem Sie besondere Kraft und Hoffnung geschöpft haben?
Ganz ehrlich: Ein großes Aha-Erlebnis gab es nicht.

Am Sonntag ist das wichtigste Fest aller Christen, die Auferstehung Christi. Wie werden Sie die nächsten Tage begehen?
Heuer sind laut Erzbischof Lackner, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, gemeinsame Osterfeiern möglich. In Rohrbach und Kleinzell werden wir alle Feiern wie schon im Sommer ins Freie verlegen, mit Abstand und wenn es das Wetter zulässt. Aber das hängt vom Herrgott ab. Da erwarte ich auch viele, die zuletzt aus besonderer Vorsicht vor Menschenansammlungen den Messebesuch vermieden haben.

Wie lautet Ihre Osterbotschaft an die Pfarrgemeinde?
Die kommt von Dietrich Bonhoeffer, der 1945 kurz nach dem Osterfest vom menschenverachtenden Nazi-Regime im KZ Flossenbürg hingerichtet worden ist. Er hat gesagt: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ Diese Botschaft trifft auf viele Lebensbereiche zu. Bei Verlust, Existenzangst oder individuell unterschiedlichem Zweifel ist das ein tröstlicher Satz.

Zur Person:
Pater Mag. Altmann Wand OSB (37), gebürtig aus Wien-Oberlaa, ist Benediktiner des Stiftes Göttweig, Pfarrer in Kleinzell und Rohrbach/Gölsen in Niederösterreich und zudem Seelsorger des NÖ Bauernbundes.

Interview: Bernhard Weber

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