Zweifacher Mini-Jetlag

Kommentar von Bernhard Weber,
Chefredakteur.

Haben Sie am vergangenen Sonntag früh wie jedes Jahr auch wieder alle Uhren um eine Stunde nach vorne gestellt? Anders als noch vor zwei Jahren ist der Wechsel auf Sommerzeit-Modus 2020 und 2021 eher sang- und klaglos geschehen. Corona hat uns vor Augen geführt, dass es wichtigere Probleme gibt, über die man sich wenn überhaupt aufregen kann (auch weil sich ein Gutteil unserer Zeitmesser ohnehin längst automatisch auf den aktuellen Zeigerstand updated). Oder haben Sie heuer gar als „Palmesel“ das Uhrendrehen einem anderen Familienmitglied überlassen?
Noch 2019 hat sich am zweifachen Mini-Jetlag jedes Jahr halb Europa entzweit. 84 % der Teilnehmer einer EU-Umfrage sprachen sich für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Insgesamt hatten sich 4,6 Millionen oder 0,6 Prozent von 746 Millionen EU-Bürgern (darunter 3 Mio. Deutsche) aus damals 28 Mitgliedsstaaten an der Umfrage beteiligt und das damit nachweisliche Randthema zur vermeintlichen Chefsache erklärt. Der damalige Kommissionschef Juncker gab das Thema an die Mitgliedsstaaten weiter, als schlauer Kopf wohl wissend, dass es damit (weil offenbar primär von Deutschlands Boulevardmedien geschürt) im Sande verläuft.
Heute entzweit sich die EU an wirklich essenziellen Fragen betreffend Gesundheit und Leben: an der gerechten Zuteilung von Impfstoffen oder einem Gleichklang von Anti-Corona-Maßnahmen. Wie klein wird da der Zank um die Zeitumstellung, die übrigens immer mehr EU-Bürger nie anders kannten. Trotzdem bergen alle drei Themen die Gefahr, „die EU für gescheitert“ zu erklären.

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