In dem stückzahlmäßig kleinen, aber wachsenden Marktsegment der Großtraktoren bietet Claas interessante Modelle an. Die BauernZeitung hat den Axion 870 mit 300 PS getestet.
Otto Krönigsberger, Landwirt

Quelle: Krönigsberger
Auf beiden Kotflügeln stehen die externe Bedienung von Hubwerk und Zapfwelle sowie eines frei zuweisbaren Steuergerätes zur Verfügung.

Eine über zehn Tonnen schwere Maschine mit 15 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht, über zehn Tonnen Hubkraft im Heck und 11,5 Tonnen erlaubte Hinterachslast, rund 300 PS Motorleistung und ein langer Radstand – was wünscht man sich mehr für einen Traktor, der zu klappbaren schweren Bodenbearbeitungsgeräten am Dreipunkt ebenso passen soll wie als Zugmaschine vor sehr schweren Anhängern?
Das stufenlose Getriebe des Axions 870 (2019/ Tier 4 Final), das durchgehend einen ordentlichen Wirkungsgrad bietet, erweitert die Alltagstauglichkeit dieses Boliden enorm. Man dirigiert ihn dank 55 Grad Lenkeinschlag fast mit der Leichtigkeit eines nur fünf Tonnen schweren 150 PS- Traktors. Dennoch darf man dabei nicht vergessen, dass er schon ohne Spiegel fast drei Meter breit ist und einen halben Meter höher als typische Vierzylinder, auf öffentlichen Straßen nicht nur auffällt, sondern auf engen Wegen erst Recht mit einer angehängten Last schnell auch Platzprobleme bekommen kann.
Rechtlich darf eine Zugmaschine mit Breitbereifung und mehr als 2,55 m, aber maximal 3 m Gesamtbreite im Ortsgebiet, bei Dunkelheit und schlechter Sicht sowie auf engen und kurvenreichen Straßen nur 25 km/h fahren. Außerdem gilt nach wie vor die 40 Tonnen-Grenze für den Gesamtzug – zwei 18-Tonner etwa gehen sich hinter dem Axion 870 weder von der Zuglänge noch vom Gewicht her aus. Darüber muss man sich im Klaren sein. Ebenso, dass mit der erstmaligen Anschaffung eines solchen Traktors nahezu zwangsweise auch weitere Investitionen in leistungsfähige Maschinen und Geräte folgen, die genau zu ihm passen. Dann aber hat der Axion 870 durchaus das Potenzial, zwei 150 PS-Traktoren zu ersetzen und kann eine ideale Maschine für einen Betrieb mit einigen hundert Hektar Fläche sein. Das Ambiente und den Fahrkomfort für viele hundert Stunden jährlich bietet er zweifellos. Und nicht zuletzt wird er mit einem interessanten Preis-Leistungsverhältnis in der 300 PS-Stufenlos-Königsliga angeboten.

Kabine mit “Wohnzimmer-Gefühl”

Quelle: Krönigsberger
Die Kabine bietet einen angenehmen Arbeitsplatz für viele Stunden.

Königlich hoch ist auch der Arbeitsplatz. Hat man die Axion-Kabine über fünf Stufen erst einmal erklommen, kommt aber sofort das von den Arions bekannte “Wohnzimmer“-Gefühl auf. Die Vier-Pfosten-Kabine ist so wie die Bedienlogik sehr ähnlich den kleineren Baureihen. An der Bedienarmlehne finden sich u. a. der
Cmotion-Multifunktionshebel und das Cebis Touch-Terminal. Dessen Bedienung ist einfach, situationsbezogen gibt es einen Feldarbeits- und einen Straßenfahrtbildschirm. Beide sind leicht individualisierbar. Um Einstellungen zu ändern, berührt man die gewünschte Position direkt am Hauptbildschirm oder eines der seitlich postierten Untermenüs.
Die Darstellung, es gibt Tag- und Nachtmodus, ist klar und großteils gut leserlich und nur in einigen Symbolen leider etwas klein geraten. Einzelne dargestellte Werte schienen nicht nachvollziehbar. Im Zuge eines Software-Updates soll dieses Problem inzwischen gelöst worden sein.
Fahrtrichtungsvorgaben erfolgen grundsätzlich mit dem Revershift genannten, orangen Wendeschalthebel links vom Lenkrad oder am Cmotion-Multifunktionsgriff, der auch (programmierbare) Tasten für Traktorfunktionen hat. Insgesamt sind zehn Funktionstasten (F) vorhanden.
Drei Geschwindigkeitsbereiche sind rein softwareimplementiert, sie definieren nur die Spreizung bis zur Maximalgeschwindigkeit, es gibt keine mechanisch schaltbaren Fahrbereiche. Immerhin sind Tempomatwerte für jeden Geschwindigkeitsbereich separat speicherbar.
Der Testtraktor verfügte über das High End LED-Arbeitsscheinwerferpaket, das mit 27.000 Lux die Gegend rund um den Traktor hellst ausleuchtete.

Motor von FPT

Kraftquelle des Axion 870 ist ein Sechszylinder-Motor mit 6,7 l Hubraum. Er erfüllt die Stufe IV der Abgasnorm nur mit Dieseloxidationskatalysator und SCR-System, ohne Abgasrückführung und ohne Partikelfilter. Das bringt den Vorteil, dass der Motor relativ „frei atmen“ kann und den Nachteil, dass der AdBlue-Verbrauch etwas höher bei rund 8 % des Dieselverbrauchs liegt.
Der Sechszylinder stellt bereits ab 1.200 UpM fühlbar hohe Drehmomente zur Verfügung, ohne gequält zu wirken. Motor, Getriebe und Zapfwelle sind darauf ausgelegt, schon bei niedrigen Drehzahlen viel Leistung zu übertragen, das spart Diesel.
Fordert man volle Leistung bei hohen Drehzahlen, meldet die Verbrauchsanzeige rasch über 50 Liter Stundenverbrauch. Wenngleich die Angaben im Cebis-Terminal um etwa zehn Prozent zu hoch schienen (Vergleich zwischen getankter Menge und Zähler), reicht der 455 Liter Tank kaum für wirklich lange Arbeitstage mit Bodenbearbeitung.
Auch ohne Stufenlosgetriebe wäre der Motor mit seinem extrem breiten Konstantleistungsbereich prädestiniert für schwere Zugarbeiten auf wechselnden Böden, das von Claas Cmatic genannte ZF-Getriebe optimiert die Maschine für Teillastarbeiten oder wechselnde Geschwindigkeiten weiter.
Das Motor-Getriebemanagement ist sehr gut gelungen, Fahr- und Regelverhalten sind in allen Lastsituationen weder „zäh“ noch „ruppig“, sondern geradezu „geschmeidig“. Die Bereichsübergänge, in denen Kupplungen schalten, hört man zwar, fühlt aber keinerlei Sprünge oder Zugkraftunterschiede.
Durch die satte Straßenlage und die sich aus physikalischen Gesetzen ergebende Trägheit von zehn Tonnen Masse spürt man natürlich während der Fahrt sofort, dass hier ganz andere Größenordnungen als bei einem kompakten Vierzylinder bewegt werden. Trotzdem vermittelt einem der Axion stets das Gefühl der souveränen Kontrolle über die enormen Kräfte, die bei ihm wirken.

Fazit

Leistungsstark, relativ sparsam und einfach bedienbar ist der Axion 800. In der komfortablen Kabine fühlt man sich vom ersten Moment an wohl. Zulässige(s) Achslasten und Gesamtgewicht erlauben sehr respektable Anbaugeräte und hohe Anhängelasten. Mehr als der Axion 900 bleibt er straßentauglich und damit sowohl für Acker als auch Transport nutzbar – wenngleich auch er schon in Dimensionen vorstößt, in denen es, etwa mit schweren Anhängern, zu Konflikten mit der Straßenverkehrsordnung kommen kann.

Weitere Bilder zum Traktortest finden Sie in der Fotogalerie.

CTIC-Druckregelanlage: In 80 Sekunden von 0,8 auf 1,8 Bar

Quelle: Krönigsberger
Angepasster Reifendruck ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um einerseits auf der Straße mit niedrigem Rollwiderstand Diesel zu sparen und andererseits am Acker durch abgesenkten Reifendruck den Boden zu schonen und die übertragbare Zugkraft zu maximieren. Erst recht bei über zehn Tonnen schweren Zugmaschinen der obersten PS-Klasse.
Claas bietet dafür eine Lösung aus dem eigenen Haus, denn vor gut zwei Jahren hat Claas Industrietechnik die westfälische Firma R&M-Reifendruck-Regeltechnik übernommen.
Die Reifendruckregelanlage Claas Tire Inflation Control (CTIC) ist in zwei Varianten erhältlich. Als preisgünstige Lösung zweigt sie die Druckluft vom vorhandenen Traktorkompressor ab und besteht aus Regeltechnik, Ventilen, Verschlauchung und Drehüberträgern zu allen vier Reifen. Die teurere „CTIC 2800“-Version enthält zusätzlich einen hydraulisch angetriebenen Schraubenkompressor, der pro Minute bis zu 2800 Liter Luft in die Reifen pumpt – das bedeutet bei der großvolumigen Bereifung des Testtraktors (600/70 R30 + 710/70 R42), dass der Kompressor es innerhalb von 80 Sekunden schafft, den Reifeninnendruck von 0,8 auf 1,8 Bar zu erhöhen (ein üblicher Traktorkompressor schafft kaum ein Zehntel der Luftmenge). Für diese hohe Luftleistung braucht der Spezialkompressor rund 90 Liter Hydrauliköldurchfluss (Load Sensing) pro Minute.
CTIC-Anzeige und -Druckprogrammierung erfolgen über ein Tablet (iPad) in der Kabine. Jeder Reifen hat einen eigenen Drucksensor. Zu der patentierten Drehdurchführung gehören die Ventile für das Ablassen und Befüllen des Reifens sowie das Radventil zur Verhinderung des Druckverlustes.
Die App zur Steuerung des Luftdrucks beinhaltet weitere Features. Für unterschiedliche Einsätze sind beliebige „Profile“ erstellbar und schnell abrufbar. Ist z.B. ein Güllefass in das System integriert, können für die Querung von Hängen die Räder nur einer Seite mit mehr Druck aufgepumpt werden, um die Kippgefahr zu verringern. Bei der Retourfahrt genügt ein Tipp auf das Tablet, um die Druckverhältnisse rechts und links zu spiegeln.
Die Anlage wird auch für andere Fabrikate zur Nachrüstung angeboten.

Ein echter Claas aus Le Mans

„Axion“, vorgestellt im Jahr 2006, war die erste weitgehend eigenständige Großtraktorenbaureihe mit „saatengrünen Claas-Genen“ aus dem ehemaligen Renault-Werk im französischen Le Mans. 163 bis 260 PS leistete der damals verbaute 6,8 Liter DPS-Motor im Axion 800. 2011 erweiterte Claas die Axions durch die 900er-Baureihe mit 280 bis 400 PS (heute bis 445 PS).
Zur Agritechnica 2013 präsentierte Claas die zweite Axion-Generation. Mit FPT-Motor erfüllte sie die Abgasstufe IV, der 850 generierte als stärkstes Modell rund 260 PS Maximalleistung. Wiederum zwei Jahre später stellte Claas das aktuelle Axion 870-Spitzenmodell mit knapp 300 PS Höchstleistung vor, das nur mit ZF Terramatic TM 28-Stufenlosgetriebe erhältlich ist.
Derzeit besteht die Baureihe Axion 800 aus sechs Typen von ca. 200 bis ca. 300 PS Maximalleistung. Bis auf das Spitzenmodell sind alle mit der 6–fach-Lastschaltung „Hexashift“ bestellbar; die Modelle 810, 830, 850 sind auch stufenlos verfügbar. Es gibt drei Ausstattungsstufen: die Einfachste mit Display im rechten A-Pfosten ist CIS, darüber steht CIS+, und die luxuriöse Variante ist Cebis mit 12-Zoll-Touchdisplay.

Gut gegrubbert

Zum Traktortest wurde ein klappbarer Horsch Grubber Terrano 4 FX mit vier Metern Arbeitsbreite beigestellt. Mit Mulchmix-Scharen und breiten, überlappenden Scharflügeln zeigte sich das am Dreipunkt angebaute Bodenbearbeitungsgerät bei bis zu ca. 20 cm Arbeitstiefe überraschend leichtzügig und hinterließ eine gut strukturierte, ebene Oberfläche auch auf wechselnden Bodenarten. Sein schwerer „Rollcut“-Packer arbeitete in schweren Böden sehr gut zerkleinernd. Einmal klemmte sich ein Kieselstein zwischen Packerwalze und Messer, der die Walze sofort stoppte und händisch ohne Werkzeug nicht entfernbar war (mit einer Stange als Hebel aber problemlos). Also Achtung auf steinigen Böden mit diesem Packer!
Der lange, knapp 2,5 Tonnen schwere Grubber änderte die statische Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse beim Axion 870 von 42:58 auf 23:77, statt des vorhandenen 800 kg Frontgewichtes hätte es also sogar etwas mehr Frontballast sein können. Nichts desto trotz lagen alle Lasten im legalen Rahmen: Rund 30 % des Eigengewichtes verblieben für eine sichere Lenkbarkeit auf der Vorderachse, die Hinterachslast lag knapp eine Tonne unter der 11,5 Tonnen-Grenze und das zulässige Gesamtgewicht wurde um 1,2 Tonnen unterschritten – alles im grünen Bereich beim Axion 870!

Claas AXION 870 (2019 / Tier 4 final): Technische Daten

Quelle: Krönigsberger
Abmessungen und Gewicht des Claas Axion 870 Tier 4 Final

Motor/Abgasreinigung
• 6-Zylinder FPT/Fiat Power Train mit 6.728 cm³ Hubraum und 24 Ventilen;
• Claas spezifische Motorkennlinie
• Hochdruck CommonRail-Einspritzung, VGT-Turbolader.
• Abgasnorm Tier 4final mit Dieseloxidationskatalysator und SCR-Katalysator
• Leistung laut Zulassungsschein: 284 PS, Maximalleistung (nach „ECE R120“): 280 PS, Maximalleistung mit CPM Claas Power Management: 295 PS, Homologationswert nach 97/68/EG: 301 PS
• Maximales Drehmoment:
1276 Nm
• Treibstofftank: 455 Liter, plus 42 Liter AdBlue-Tank

Wartung
• Übliche Schmierstellen am Hubgestänge und an der (gefederten) Vorderachse: alle 50 Stunden
• Motorölwechsel: alle 600 Std. mit ACEA E9 /API CJ-4-Öl, Getriebe und Hydraulik: alle 1.200 Stunden, detaillierte Wartungszähler im Cebis-Terminal

Stufenloses Getriebe Claas Cmatic
• ZF Terramatic TM 28: hydrostatisch-mechanisches leistungsverzweigtes Stufenlosgetriebe mit vier automatisch wechselnden Fahrbereichen (Wirkungsgradoptima in der Mitte der Fahrbereiche)
• Maximale Geschwindigkeit von ca. 50 km/h mit stark reduzierter Motordrehzahl von rund 1.500 UpM
• Max. Anhängelast: 32.000 kg, maximale Stützlast 4.000kg

Zapfwelle/Hydraulik
• Drei Geschwindigkeiten aus vier möglichen konfigurierbar
• Externe Bedienung Zapfwelle und ein frei zuweisbares Steuergerät beidseitig am Kotflügel
• Schlupfregelung optional
• Standard: maximal 10.200 kg Hubkraft Heck (durchgehend 6.200 kg gemessen 610 mm hinter den Koppelpunkten) mit 150 Liter/Min (optional 110 Liter/Min)-Hydraulikpumpe, LoadSensing plus power beyond, wobei max. Hinterachslast: 11.500 kg
• Fronthubwerk (Cat. III), max. 4.600 oder 5.800 kg Hubkraft, wobei max. Vorderachslast: 7.000 kg.
• Max. zul. Gesamtgewicht: 15.000 kg
• Max. 7 (5 hinten + 2 mittige) elektronische Steuergeräte, via Cebis zeit- und mengenprogrammierbar, in der Bedienarmlehne integrierter Proportional-Joystick Electropilot kann bis zu vier frei zuweisbare Steuergeräte steuern
• Vorbildliche Druckentlastungshebel an den Steckkupplungen im Heck
• Entnehmbare Ölmenge: ca. 50 Liter

 

 

 

- Bildquellen -

  • Claas Axion 870 Externe Bedienung Hubwerk Zapfwelle Und Eines Frei Zuweisbaren Steuergeraetes Auf Beiden Kotfluegeln: Krönigsberger
  • Claas Axion Blick In Die Kabine Ev: Krönigsberger
  • Axion Mit CTIC Werksbild Claas: Krönigsberger
  • Masze Graphik Claas Axion 870: Krönigsberger
  • Titelbildvorschlag Claas Axion 870: Krönigsberger
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