Köstinger/Klöckner: Die Stunde der Regionalität ist gekommen

Online-Konferenz zur Bedeutung regionaler Lebensmittelproduktion zur Stärkung ländlicher Regionen.

Landwirtschaftsministern Elisabeth Köstinger lud heute gemeinsam mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu einer Onine-Konferenz. FOTO: adobe.stock.com-peshkova

“Regionale Lebensmittelproduktion – Rückgrat für lebendige ländliche Regionen” lautete das Thema einer hochkarätig besetzten Panel-Videokonferenz auf Initiative von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger und ihrer deutschen Amtskollegin Julia Klöckner mit Unterstützung der kroatischen Ratspräsidentschaft. Weitere Gesprächspartner waren Janusz Wojciechowski (EU-Kommissar für Landwirtschaft) und Norbert Lins (Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im EU-Parlament). Alle Teilnehmenden unterstrichen den herausragenden Stellenwert einer hochwertigen regionalen Lebensmittelproduktion für die Ernährungssicherung, wie es COVID-19 besonders vor Augen führt. Vielen Konsumenten wurde der Stellenwert der Landwirtschaft in dieser Wertschöpfungskette damit besonders bewusst.

“Unsere Landwirtschaft zählt zur systemrelevanten Infrastruktur. Wenn wir nicht selbst produzieren, was wir zum Leben brauchen, machen wir uns abhängig von anderen. Das kann nicht das Ziel der EU sein. Dafür müssen unsere bäuerlichen Familienbetriebe aber auch einen fairen Anteil an der Wertschöpfungskette generieren, um davon leben zu können”, erklärte Köstinger. Passende Rahmenbedingungen seien die Voraussetzung dafür. Der von der EU-Kommission vorgeschlagenen Green Deal mit den beiden Strategien “Farm to Fork” und für Artenvielfalt wird von Köstinger grundsätzlich begrüßt, sie fordert aber eine Folgenabschätzung. “Der Green Deal muss für unsere Landwirte fair sein”, erklärte die Ministerin. Regionale Lebensmittelproduktion und Globalisierung würden einander nicht ausschließen. “Es ist keine Frage von Entweder-oder, sondern von sowohl als auch. Die Ernährungssicherheit müsse jedenfalls im Mittelpunkt stehen.

Um dem Verbraucher die Wahl zu erleichtern, sollen deshalb Herkunftsangaben in der EU ausgedehnt werden, forderte die Ministerin aus Österreich. In der “Farm to Fork”-Strategie habe sie leider deutliche Anregungen für eine Herkunftskennzeichnung von Milcherzeugnissen und von Fleisch in Verarbeitungserzeugnissen vermisst. Außerdem stünde es einer regionalen Erzeugung im Weg, wenn die EU-Kommission mit ihren Umweltstrategien 10% der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus der Produktion nehmen wolle. Das könne im Zweifelsfall zu weniger Artenvielfalt führen, wenn lokale Erzeuger das Land nicht mehr bewirtschafteten. Schließlich erhöhten die Direktvermarktung und der lokale Absatz die Gewinnspanne der landwirtschaftlichen Betriebe, so Köstinger.

Klöckner: Handelsbeziehungen nicht einschränken

“Der EU-Binnenmarkt und die Gemeinsame Agrarpolitik sind sowohl zur vielfältigen Versorgung der Bevölkerung als auch zur Stabilisierung der Landwirtschaft die besten Antworten. Land- und Ernährungswirtschaft müssen wir als systemrelevante Branchen denken – europaweit. Gleichzeitig darf eine stärkere Betonung der regionalen Lebensmittelproduktion nicht bedeuten, dass wir Handelsbeziehungen einschränken wollen. Wir dürfen nicht in eine Art Konsumnationalismus verfallen. Multilaterale Handelsvereinbarungen dürfen wir nicht preisgeben. Denn um die gewohnte Vielfalt zu haben und auch Ressourcen zu schonen, werden wir in einigen Bereichen weiter auf Importe angewiesen sein. Es geht hier darum, internationale Arbeitsteilung unter klaren Qualitätsstandards sinnvoll weiterzuentwickeln”, stellte Klöckner klar.

Als Chance betrachtet die Ministerin, dass sich Biobauern, die immer produktiver werden, und konventionell wirtschaftende Landwirte, die immer nachhaltiger produzieren, zueinander entwickeln. Innovation und Digitalisierung würden für eine gesteigerte Produktivität und Ökologisierung ein enormes Potenzial bergen. Regionale Marketingkonzepte seien überdies die Brücke zwischen Konsumenten und Landwirten. Es gebe aber einen Widerspruch in der gesellschaftlich Diskussion, die einerseits modernen Trends folge, aber Modernisierung in der Landwirtschaft kritisch beurteile. “Wir brauchen ein spezielles Storytelling für Konsumenten, das ihnen veranschaulicht, ja, wir haben eine moderne Landwirtschaft, die mehr und mehr nachhaltig produziert, aber dazu auch ein entsprechendes Einkommen braucht”, so Klöckner.

Für die kroatische Landwirtschaftsministerin Marija Vučković sind lokale Erzeugnisse von einer besseren Qualität und passen zudem besser zu den beiden Umweltstrategien der EU-Kommission. Familienbetriebe sorgen für den Erhalt der Tradition und stützen damit die Identität von ländlichen Räumen, ist Vučković überzeugt.

Wojciechowski kritisiert zu lange Transportwege

Wojciechowski kritisierte zu lange Transportwege von Lebensmitteln. Im Durchschnitt habe jedes Lebensmittel eine Distanz von 171 km hinter sich, was deutlich zu viel sei. Die geschlossenen Grenzen zu Beginn der Corona-Krise machen nach seiner Ansicht die Verletzlichkeit einer zu weit vernetzen Nahrungsmittelproduktion deutlich. Die EU-Kommission wolle deshalb mit einer finanziell deutlich besser ausgestatteten 2. Säule der GAP die lokale Vermarktung und regionale Verarbeitung unterstützen.

Lins begrüßt eine verstärkte Nachfrage nach Erzeugnissen aus der Region. Wenn der Verbraucher das wünsche, sei es gut. Aber Politiker dürften ihm keine Vorschriften machen, erklärte Lins. Forderungen in Polen und Bulgarien zum nationalen Verzehr hätten während der Pandemie das Maß überschritten. Eine regionale Vermarktung sei ohnehin besser für die Umwelt und die Gewinnspanne der Landwirte als eine nationale Abgrenzung, erklärte der Europaabgeordnete.

AIZ

 

 

 

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