Grüne Woche gestreamt, nicht analog

Erstrahlt der Funkturm in Berlin leuchtend grün, tummeln sich auf dem Messegelände Agrarier aus aller Welt. Heuer ist alles anders. Auf zwei Tage verkürzt gibt es nur ein digitales Angebot. Foto(1): Commons Wikimedia

In einem normalen Jahr wäre am Donnerstagabend in Berlin die „Internationale Grüne Woche“ (IGW) eröffnet worden, mit rund 1.800 Ausstellern und 400.000 Besuchern binnen zehn Tagen Deutschlands größte Publikums-Agrarmesse. Auf dieser tummeln sich traditionell auch viele Besucher aus Österreich, allen voran Agrarpolitiker und Funktionäre vieler Verbände. Wegen Corona findet die Grüne Woche heuer rein als digitale Veranstaltung statt, verkürzt auf zwei Tage, am 20. und 21. Jänner.
Die Organisatoren hoffen, dass ihr virtuelles Streaming-Angebot auch angenommen wird, und zwar sowohl bei Fach- als auch bei Privatbesuchern. „Das Digitalisieren kostet sehr viel Geld“, so Lars Jaeger in einem lnterview mit Agra Europe. Den Kosten stünden kaum Einnahmen gegenüber. Standmieten fielen vergleichsweise gering aus, und von den Besuchern via Internet werde kein Eintrittsgeld genommen. Die Messe Berlin verstehe die Ausgaben für das Online-Angebot aber als Investition in die Zukunft. Vielleicht könne einiges bei künftigen Messen weiter Verwendung finden. Denn Jaeger ist davon überzeugt, dass digitale Formate in Zukunft vermehrt das analoge Messeangebot ergänzen werden.

Publikumsmessen können online nicht ersetzt werden

Zugleich steht für den Veranstalter fest, dass Online-Messen auf Dauer Publikumsmagneten wie die Grüne Woche nicht werden ersetzen können: „Begegnungen, der persönliche Austausch, schmecken, riechen und anfassen – all das macht die Grüne Woche aus.“ Dabei sei nicht entscheidend, „ob wir 400.000, 350.000 oder weniger Besucher haben werden“. Sorge bereitet Jaeger die generelle Unsicherheit über die weiteren Auswirkungen der Pandemie. Derzeit könne niemand ausschließen, „dass wir auch 2022 noch keine normale Grüne Woche haben werden“. Vermutlich werde man noch einige Jahre mit Einschränkungen leben müssen.
Seit der Absage der Internationalen Tourismusbörse im März vergangenen Jahres fanden auch in Berlin Veranstaltungen „unter dem Funkturm“ nur noch digital oder im kleinen Rahmen statt. Gleiches gilt – wenn überhaupt – auch für alle anderen großen und kleineren Agrarmesse-Standorte von Hannover über Paris, Bologna oder Wels bis Wieselburg. Angestammte Ausstellungstermine wurde entweder komplett abgesagt, verschoben oder virtuell abgespeckt ins Internet verlegt.
Damit brechen den Messen natürlich drastisch Einnahmen weg. Wie geht man in Berlin damit um? Jaeger: „Ende August war klar, dass wir die IGW 2021 nicht wie gewohnt durchführen werden. Im Laufe des Herbstes war immer deutlicher absehbar, dass auch kleinere Veranstaltungen mit bis zu 3.000 Fachbesuchern am Tag im Januar nicht mehr durchgeführt werden können. Wir haben uns bereits im Oktober für eine reine Digitalveranstaltung entschieden, um Klarheit für Aussteller und Partner zu bekommen.“ Damit habe man es immerhin geschafft, dass diese nicht unnötig Geld ausgegeben hätten. Der wirtschaftliche Schaden für die Messe lasse sich aber nicht bis ins Detail beziffern.“ Heuer fehlen jedenfalls die Einnahmen sowohl von Besuchern wie weitgehend von den Ausstellern. „Standmieten über ein Onlineportal sind nicht annähernd vergleichbar mit jenen, die wir sonst erzielen“, so Jaeger.
Man werde dennoch mittels Video-Streaming einen hochrangig besetzten „IGW Talk“ anbieten, ebenso die traditionelle Eröffnungspressekonferenz, auf der sich der Deutsche Bauernverband und die Ernährungsindustrie als die ideellen Träger der Grünen Woche präsentieren werden. Dazu ein „Global Forum for Food and Agriculture“ und ein „Zukunftsforum Ländliche Entwicklung“ mit 33 Einzelveranstaltungen. Ob sich eine ,,Grüne Woche-Stimmung“ mit Besuchern vor den Computern oder Tabletts einstellen werde, bleibe indes abzuwarten, so Jaeger im Vorfeld.
Auch die Politikpräsenz werde wohl geringer als in normalen Jahren ausfallen. Die Agrarpolitik zum Auftakt des Bundestagswahljahres in Deutschland sowie in der Endphase der nächsten GAP-Reform dürfte dennoch eine wichtige Rolle auf der Online-Messe spielen. „Die IGW ist eine Institution, die zu Jahresbeginn als Gradmesser für die politische und wirtschaftliche Standortbestimmung der Agrarbranche ihren festen Platz hat“, so Jaeger.
Wo sieht Jaeger die Grüne Woche in fünf, zehn Jahren? „Vorweg: Es wird uns auch dann noch geben. Als Branchentreff, hoffentlich weiter mit Tier- und Blumenhalle. Mit eingebundenen digitalen Formaten, die zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten und Informationsgewinn eröffnen. Aber sicher nicht allein virtuell.“

Auch heuer Österreich-Jause, „Wir haben es satt“-Demo

Übrigens: Unbeirrt wurde rund um die heuer nur digitale IGW auch andernorts an Traditionen festgehalten. So verlegten Österreichs Agrarpolitik-Spitzen Elisabeth Köstinger, Josef Moosbrugger und Georg Strasser ihre diesjährige „Jahresauftakt-Pressekonferenz“, üblicherweise gemeinsam bestritten in Berlin, heuer ins Netz und bewirteten die Journalisten mit einem vorab übermittelten „Österreich-Jausenpaket“, samt „Berliner Kindl“–Bier als Reminiszenz an die IGW. Und bereits am vergangenen Samstag rollten in Berlin wieder die Traktoren in Richtung Regierungsviertel. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ folgten Landwirte, Klima- und Tierschützer dem Aufruf von 60 Organisationen und gingen für eine Wende in der Agrarpolitik auf die Straße. Ihre Forderungen: Die Zahl der Tiere in den Ställen und der Fleischkonsum müssten deutlich sinken. Pestizide und Gentechnik in der Landwirtschaft sollen vermieden, der Plan für eine Freihandelszone mit dem Mercosur aufgegeben werden. Wegen Corona wurden Unterstützer dieser Anliegen aufgefordert, via Soziale Medien Bilder von Fußabdrücken für die Demons-
tration einsenden.

Bernhard Weber

www.gruenewoche.de/IGWDigital/

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