Bischof Manfred Scheuer: „Ich freue mich auf Weihnachten und möchte das, was möglich ist, mit aller Kreativität und auch in Gemeinschaft feiern.“

BauernZeitung: Corona hat heuer auch schon die Gottesdienste lahmgelegt. Bekommt das Christkind eine Ausnahmegenehmigung von der Ausgangssperre?

SCHEUER: Ja, die Regelung dafür ist von Seiten der Regierung gegeben und das nicht nur für das Christkind. Auf Grund der geltenden Maßnahmen wird es heuer zu Weihnachten mehr Gottesdienste mit weniger Menschen geben. Ich freue mich auf Weihnachten und ich möchte das, was möglich ist, mit aller Kreativität und auch in Gemeinschaft feiern.

Das „Fest der Familie“ wird heuer vielfach anders ablaufen als gewohnt – viele werden ohne Kinder, Eltern oder Großeltern Weihnachten feiern müssen. Was macht das mit den Menschen?

Das hat natürlich massive Auswirkungen auf die Menschen. Auch wenn Familientreffen im größeren Sinn eingeschränkt sind, hoffe ich, dass die Menschen dennoch gut feiern. Auch in Zeiten des harten Lockdowns gab es ja die Begegnungen über den Zaun oder Videoanrufe. Wenn wir uns jetzt einschränken, ist das eine Form der Verantwortung und der Nächstenliebe.

Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Besinnlichkeit – worauf soll man sich genau besinnen?

Wir dürfen uns vor allem auf die Freude besinnen. Die Geburt eines Kindes ist eine große Freude. Der heilige Augustinus sagte: „Die Seele ernährt sich von dem, was sie erfreut.“ Das kann beispielsweise die Freude an den Kindern, der Gemeinschaft, der Liebe, der Musik oder der Natur sein. Und letztlich schon auch die Freude an Gott.

Weihnachten wird ja gerne mit Christbaum, Geschenken und jeder Menge Glitzer gefeiert. Was ist aus der eigentlichen Weihnachtsbotschaft geworden?

Ich möchte nicht alles, was sich im Umfeld von Weihnachten im letzten Jahrhundert entwickelt hat, schlechtreden. Gerade in ländlichen Regionen hat sich Weihnachten besser inkulturieren können, als das in anderen Gebieten der Fall war. Aber jeder Mensch braucht auch seine Kitschecke. Die Sehnsucht nach Licht ist bei vielen durchaus da. Die Geburt Jesu ist das Zeichen der Hoffnung, das Gott uns gegeben hat.

Sind die Menschen durch das schwierige Jahr 2020 vielleicht sogar hellhöriger dafür geworden?

Es ist nicht automatisch so, dass jede Krise näher zu Gott führt, aber vielleicht zu einem Bewusstsein von dem, was uns abgeht, wenn wir es längere Zeit nicht gepflegt haben. In Krisenzeiten wird Einsamkeit und Alleinsein besonders erfahren. Daher muss man sich manche Solidarität in guten Zeiten aufbauen, wo man etwas miteinander teilen kann und Geben und Nehmen einhergehen.

Bietet sich heuer nicht auch eine Chance, Weihnachten wie früher, ohne Kitsch und Konsum, zu feiern?

Einige kirchliche Feste des heurigen Jahres waren auf Grund der Situation ja bereits viel einfacher gestaltet und diese waren dadurch viel inniger. Ich habe die Firmlinge noch nie so andächtig erlebt wie in diesem Jahr. Vielleicht kann das auch zu Weihnachten so sein. Wir dürfen uns aber auch Geschenke machen und etwas Gutes zu essen kochen. Insgesamt betrachtet tut aber auch die Kultur des Maßhaltens unserer Feierfreude ganz gut.

Zur Weihnachtszeit ist die Farbe Grün für die Hoffnung vorherrschend – worauf soll man in Zeiten wie diesen hoffen und was gibt Ihnen Hoffnung?

Es gibt die kleinen Hoffnungen und die ganz große Hoffnung. Gegenwärtig habe ich im Hinblick auf das persönliche und gesellschaftliche Leben nicht die Vision, wann es wieder wie gut sein wird. Jetzt haben wir teilweise, wie im Nebel auf Sicht, Schritt für Schritt zu gehen und manchmal sogar vom einen zum anderen Tag. Dennoch möchte ich das mit Zuversicht und einer Grundfreude angehen. Ich hoffe, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona so bewältigt werden können, dass die Menschen nicht unter die Räder kommen. Eine gute wirtschaftliche Entwicklung ist die Grundlage für das Gemeinwohl und Arbeit die Voraussetzung für ein gutes Leben. Ich hoffe zudem auf eine belastbare Solidarität, dass die Menschen in unserer Gesellschaft wieder mehr aufeinander schauen. Und natürlich hoffe ich auch darauf, dass die Bedeutung des Glaubens wieder deutlicher wird.

In einem Heft zur Feier der Weihnacht schreiben Sie: „Wir Christen glauben und feiern, dass Gott selbst in Jesus Mensch wurde, um unser Leben zu teilen.“ Können Sie das übersetzen?

Gott ist kein Zuseher in unserem Leben, er ist nicht nur der Beobachter von außen. Das, was wir leben, nimmt er an, macht es am eigenen Leib durch. Ihm sind unsere Gefühle und Erfahrungen nicht fremd. Auch Jesus hat Angst gehabt, gehungert, sich gefreut oder getrauert und geweint. Das heißt Leben teilen.

Wie würden Sie das Wort „Glaube“ in diesem Zusammenhang definieren und was bedeutet es für Sie?

Glauben ist ein Vertrauensakt. Ich vertraue dir, das heißt letztlich auch, ich mag dich, ich verlasse mich auf dich und habe bei dir einen guten Platz. Und dann heißt Glauben auch Mut zum Leben und zum Dasein. Glauben heißt nicht, sich zu verstecken, sich ängstlich zurückzuziehen und nichts aus sich zu machen.

Verschwörungstheorien sind derzeit allgegenwärtig – was sind Ihrer Meinung nach Gründe dafür, warum Menschen immer weniger Glauben in etwas haben?

Verschwörungstheorien hat es immer schon gegeben. Sie sind eine Form der Dummheit und Verblendung. Da fühlen sich Menschen als besonders, weil sie nicht im allgemeinen Sog der Mehrheit mitschwimmen. Sie suchen einen Sündenbock, einen Schuldigen und ersparen sich damit das Denken. Das ist insofern fatal, weil es mit Verantwortungslosigkeit verbunden ist.

Ein weiteres Zitat der Broschüre lautet: „Gott begegnet uns im Leben manchmal gerade dort, wo wir ihn nicht vermuten würden. Mit seiner Nähe dürfen wir immer rechnen.“ Wo trifft man denn Jesus zum Beispiel?

Da könnte man rückfragen, wo treffe ich ihn nicht? Wenn man die biblische Botschaft betrachtet, trifft man ihn beispielsweise im Kind, bei den Hungernden, Kranken, Obdachlosen oder den Flüchtigen. Ich glaube, dass man Jesus in jedem Menschen suchen soll und ihn auch treffen kann. Und man kann ihn auch in sich selbst treffen. Nikolaus Cusanus sagte: „Sei du Dein, dann werde ich Dein sein.“ Eine Voraussetzung dafür, dass man Jesus in sich entdeckt und ihm begegnet, ist auch, dass man selber mit sich kann.

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Landwirtschaft systemrelevant ist. Bäuerinnen und Bauern sorgen auch in Zeiten wie diesen für einen reich gedeckten Festtagstisch, aber erfahren sie dafür auch ausreichend Wertschätzung?

Es hat sich in diesem Jahr schon verstärkt das Bewusstsein für die Qualität heimischer Produkte ergeben. Das ist jedenfalls ein sehr positiver Effekt. Wertschätzung heißt einerseits, einen angemessenen Preis zu bezahlen, von dem man leben kann. Der Preisdruck ist nach wie vor sehr groß. Andererseits geht es auch um die gesellschaftliche Wertschätzung. Wie wichtig ist die Landwirtschaft für das Gemeinwesen? Wo die Landwirtschaft weggeht, geht eine Kulturlandschaft verloren und hört auch der Tourismus auf. Insofern ist die Gestaltung des ländlichen Raumes schon auch eine Überlebensfrage in unserem Land. Wertschätzung heißt natürlich auch Anerkennung und gesellschaftliche Partizipation am Leben. Die Bauern sind nach wie vor eine ganz wichtige Gruppe. Wertschätzung heißt letztlich auch, mit diesem Beruf gut und erfüllt leben zu können. Da zeigen durchaus auch Jüngere mit Selbstbewusstsein, dass sie das gern machen. Bauer zu sein ist eine Lebenshaltung und nicht nur ein Beruf. Natürlich soll das Einkommen zum Lebensunterhalt dienen. Dass es aber auch die anderen Erfahrungen gibt – das Zerbrechen, die ganzen Tragödien – soll man aber auch nicht verschweigen.

Ist es – im Sinne der Schöpfungsverantwortung – nicht auch Auftrag der Kirche, für regionale Lebensmittel zu werben?

Das tun wir auch. Bei unseren Einrichtungen setzten wir auf die Grundprinzipien: bio, fair und regional. Jene Produkte, die importiert werden, kommen zum Großteil aus industrialisierter Produktion. Da sind Lebensmittel ein Massen- und Wegwerfprodukt. Das ist nicht nur eine Frage des Preises, sondern es braucht auch wieder ein Gespür für die Kostbarkeit von Lebensmitteln.

Was kommt bei Ihnen am Heiligen Abend auf den Tisch?

Ich werde am Weihnachtsabend im Dompfarrhof sein und dort gibt es traditionell eine gute Bratwurst.

 

 

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  • Bischof Scheuer Querformat InKirchenbank3 Diözese Linz Hermann Wakolbinger: Diözese Linz/Hermann Wakolbinger
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