„Das Fordernste, weil es uns alle trifft, ist der Klimawandel“

Agrana-Vorstand Norbert Harringer über die guten Vorzeichen für den heimischen Rübenanbau, die geplante Deckelung der Ukraine-Importe von Agrarprodukten wegen der Marktstörungen, die große Herausforderung namens Dekarbonisierung und warum der Konzern weiterhin an seiner Verarbeitung in Russland festhält.

Agrana-Vorstand Norbert Harringer im Gespräch mit BauernZeitung-Chefredakteur Bernhard Weber.

Der Anbau von Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln steht vor der Tür. Wie zufrieden sind Sie bei Agrana mit den Vorzeichen für den Rübenanbau in Österreich? Wurden genügend Verträge abgeschlossen?

Harringer: Wir sind heuer in einer sehr guten Situation. Nach wirklich schwierigen Jahren konnten wir auch dank guter Zuckerpreise wieder mehr als 44.000 Hektar Rübenfläche kontrahieren. Damit werden wir unsere beiden Zuckerfabriken gut auslasten können, natürlich abhängig von den Witterungsbedingungen über die gesamte Vegetationsperiode wie auch dem Aufkommen des Rübenderbrüsslers im April, der den Landwirten immer wieder zu schaffen macht. Und für einen hohen Zuckergehalt hoffen wir erneut auf einen schönen September so wie 2023, mit sonnigen Tagen und kühlen Nächten. Noch kurz zum Rübenderbrüssler: Da wissen wir aus den aktuellen Larvenscreenings, dass wir heuer von einem moderaten Niveau aus starten. Aber es hilft natürlich alles nichts, wenn der April trocken und warm sein sollte. Dann wird es wieder Ausfälle geben. Und um das hier auch ganz klar zu sagen: Jede Rübenpflanze, die wir aufgrund von fehlendem Pflanzenschutz verlieren, ist um eine zu viel. Wir suchen aber bereits intensiv nach alternativen Möglichkeiten gegen den Käfer mit ersten, durchaus vielversprechenden Ergebnissen.

Agrana arbeitet selbst an neuen Pflanzenschutzmöglichkeiten?

In übergreifender Zusammenarbeit mit der Boku, unseren und diversen anderen Forschungseinrichtungen und einer deutschen Universität, wobei wir erst ganz am Anfang dieser Entwicklungen stehen.

Und wie sieht es aus im Stärkesegment? Was sollte die Mais- und Stärkekartoffel-Produzenten heuer optimistisch stimmen?

Der Mais punktet seit Langem trotz volatiler Preise mit stabilen Deckungsbeiträgen und hat über die vergangenen Jahre hinweg immer sehr gut reüssiert. Mit den Nassmais-Kampagnen, die wir mit unseren Lieferanten umsetzen, sparen und teilen wir uns die Trocknungskosten. Die Verarbeitung der Stärkeindustriekartoffeln mussten wir reduzieren. Heuer werden es mit Kontrakten rund 175.000 Tonnen sein. Kartoffeln sind und bleiben eine interessante und durchaus stabile Feldkultur und entsprechend der daraus erzeugten Stärke profitieren unsere Lieferanten von variablen Nachzahlungen. 

Bleibt die Zahl der Kontraktbauern eigentlich ähnlich hoch oder werden es immer weniger mit größeren Vertragsflächen?

Das entspricht in etwa dem Strukturwandel. Natürlich sehen wir den Trend, dass die Flächen, die von den einzelnen Landwirtinnen und Landwirten bearbeitet werden, größer werden und dadurch insgesamt ihre Anzahl sinkt, nicht nur bei der Kartoffel, sondern bei allen Feldkulturen. 

Agrana ist auch in angrenzenden Ländern Mittel- und Osteuropas tätig. In Brüssel hat man mittlerweile erkannt, die zollfreie Einfuhr von Zucker und auch von Mais zu deckeln. Rechnen Sie weiterhin mit Marktstörungen und volatilen Preisen durch Agrarimporte aus der Ukraine?

Klar ist: Es braucht ungebrochene Solidarität mit der Ukraine. Aber Aufgabe der EU ist es auch, Marktverwerfungen hintanzuhalten. Auch wir haben in den beiden vergangenen Jahren die Zuckerimporte aus der Ukraine von Beginn an in unseren Absatzgebieten wie Rumänien oder Bulgarien sofort massiv bemerkt. So war es auch immer unser Ziel, dass Brüssel diese Importe auch von anderen landwirtschaftlichen Gütern entsprechend mengenmäßig regelt. Der Ansatz der EU-Kommission, hier einen Deckel einzuziehen, ist grundsätzlich zu begrüßen, wenngleich wir einen Durchrechnungszeitraum inklusive dem Jahr 2021 befürworten. Das wäre dann eine Reduktion von künftig 325.000 auf 215.000 Tonnen gewesen, was noch immer einer Verzehnfachung der Menge entsprochen hätte, verglichen mit den Mengen vor dem Ukraine-Krieg. Grundsätzlich sind die Bauernproteste in Sorge um die ökonomische Produktion verschiedenster Ackerkulturen verständlich. Letztendlich geht es um Europas Versorgungssicherheit und an der muss uns allen gelegen sein.

Was fordern Sie als Rohstoffverantwortlicher und Ihr Team rund um die Verarbeitung der genannten Ackerkulturen derzeit am meisten?

Ich denke, das Forderndste, weil es uns alle betrifft und Europa auch vorausgeht, ist der Kampf gegen den Klimawandel. Wir wissen zwar schon sehr genau, wie wir unsere Werke bis 2040 dekarbonisieren, also emissionsfrei gestalten können. Was aber wirklich fordernd und wohl auch noch unterschätzt wird, ist, wie wir das auch in der landwirtschaftlichen Produktion vom Feld bis zu Transportfragen hinbekommen und umsetzen. Hier sind wir erst am Beginn unseres Weges, es fehlt noch an den notwendigen Werkzeugen, aber auch an der Regulatorik. Dabei gilt es zu beachten, unsere Versorgungssicherheit mit Grundnahrungsmitteln in Europa nicht selbst zu stark einzuschränken und so aufs Spiel zu setzen.

Noch umsatzstärker als Stärke und Zucker ist bei Agrana der Sektor Frucht. Wie läuft hier die Rohstoffversorgung? 

In Österreich verarbeiten wir hauptsächlich Äpfel zu Saftkonzentrat in Kröllendorf, aber auch Beerenfrüchte. Wir kaufen diese soweit verfügbar in Österreich ein. Unsere Apfelbauern erzeugen aber hauptsächlich Tafelobst, weshalb wir uns auch im nahen Ausland von Tschechien über Ungarn bis Italien nach Ware umschauen müssen. 

Welche Rohstoffe sind für einen Konzern wie den Ihren derzeit am Markt eigentlich am schwierigsten zu beschaffen?

Unser wichtigster Rohstoff weltweit ist die Erdbeere. Ihre Verfügbarkeit ist derzeit gut. Generell haben wir in den Fruchtzubereitungen rund 5.000 Rohstoffe. Und da gibt es immer irgendwo Probleme, bis hin zu funktionierenden internationalen Transportwegen. Knapp wurde zuletzt auch Kakao, wegen Problemen mit einer Pflanzenkrankheit in Westafrika. Aktuell betrifft uns auch die Suezkanal-Krise, wodurch sich die Transportwege um bis zu drei Wochen verlängern.

Mit Ihren Tochtergesellschaften in der Ukraine und in Russland sind Sie auch vom Krieg betroffen. Agrana wurde vorgeworfen, an Russland festzuhalten. Warum schließen Sie Ihr Werk nahe Moskau nicht?

Wir bewerten unsere Operation in Russland jeden Tag. Und wir verurteilen natürlich in jeder Konsequenz den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Wir haben aber als Verarbeiter von agrarischen Rohstoffen, als Hersteller von Nahrungsmitteln auch einen entsprechenden Versorgungsauftrag, den wir auch für die russische Bevölkerung erfüllen wollen. Agrana hält auch jedwede Sanktion gegen Russland entsprechend ein. In der Ukraine, wo wir in Winniza, ungefähr 250 Kilometer südwestlich von Kiew, zwei Werke für Apfelsaftkonzentrat und für Fruchtzubereitungen betreiben, leisten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich Unglaubliches für den lokalen Markt. Unsere erste Priorität ist, deren Sicherheit zu gewährleisten, und wir sind hier auch täglich mit unseren Kollegen verbunden, um einen aktuellen Status zu haben. All das in die Waagschale geworfen, hat uns bislang dazu bewogen, dass wir in beiden Ländern unsere Werke aufrechterhalten.

Gelangen Ihre Fruchtzubereitungen aus Russland eigentlich auch außer Landes, vielleicht sogar in die EU?

Nein. Die Fruchtzubereitungen, die in Serpuchov südlich von Moskau produziert werden, gehen in den lokalen Markt und in die GUS-Staaten.

Zur Person

DI Dr. Norbert Harringer, 50, ist seit September 2019 Agrana-Vorstand und als solcher seit bald drei Jahren zuständig für Produktion, Rohstoffbeschaffung und Nachhaltigkeit.

www.agrana.com

 

- Bildquellen -

  • Simak, Weber: Agrana/Simak
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AUTORRed. BW
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