Wie bewerten Sie als Landesjägermeister die aktuelle Wolfssituation in Tirol?

LARCHER: Wie wir momentan tagtäglich in den Medien lesen, sind durchwandernde Wölfe bei uns inzwischen nicht nur noch sporadische Ausnahmefälle. Ich habe bereits 2017 schon nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Nachweise von wandernden Wölfen in Tirol zunehmen. Die neun Landesjagdverbände haben im Februar 2018 dahingehend ein klares Positionspapier veröffentlicht mit den Forderungen der Jägerschaft zum Thema Wolf. Die Wolfspopulation in Europa, auch in Mitteleuropa, nimmt jährlich zu. Aufgrund des strengen Schutzes und des Zuwachspotentials in Österreich, aber auch in ganz Europa, müssen wir mit einer stetigen Zunahme der Wolfsdichte rechnen. Obwohl dieses Großraubwild, wie auch viele andere Tierarten, mit einigen Bedrohungen konfrontiert ist, sind seine relative Verbreitung und die stabile Populationsentwicklung hinreichende Gründe dafür, keines der Kriterien für gefährdete Tierarten in Europa als erfüllt oder annähernd erfüllt zu beurteilen. Daher ist der Wolf aus Sicht der österreichischen Jägerschaften keine vom Aussterben bedrohte Tierart.

Bauernvertreter protestieren heftigst, um die Entnahme von Wölfen zu ermöglichen – was ist Ihre Meinung dazu?

LARCHER: Wie andere Großsäuger sollten Wölfe Teil eines ganzheitlichen Wildtiermanagements sein. Ein solches hat stets zum Ziel, die jeweilige Population in einer an den jeweiligen Lebensraum angepassten oder verträglichen Dichte zu halten. Nehmen die Schäden oder die Gefährdungen überhand, sollte in Bestände – auch des Wolfes – rechtzeitig eingegriffen werden können. Die Regulierung von Wolfsbeständen ist sicherlich kein explizites jagdliches Ziel und auch keine einfache Aufgabe. Allerdings wird es dieses Instrument brauchen, um auf Problemtiere reagieren zu können.

Wie sehen Sie den Einsatz von Natur- und Tierschutzorganisationen für den Wolf und was entgegnen Sie auf die Behauptungen, dass Wilderer illegale Wolfsabschüsse tätigen?

LARCHER: Die Anwesenheit von Wölfen ist ein hochemotionales Thema und wird entsprechend medial ausführlich behandelt. Da es sehr entgegengesetzte Positionen dazu gibt, finde ich es äußerst kontraproduktiv, wenn leere Behauptungen in den Raum gestellt werden. Mir sind keine Hinweise auf illegale Wolfabschüsse bekannt, außer dem im Sellrain gefundenen Tier. Wenn wir eine Lösung finden wollen im Umgang mit den Wölfen, sollten wir alle zusammenarbeiten, uns auf Fakten konzentrieren und unsere Energien nicht auf gegenseitige Schuldzuweisungen verwenden. Wir wissen aus Wolfgebieten, wie extrem schlau und sensibel Wölfe sind. Jeder, der meint, ein Wolf sei eine leichte Beute, hat offensichtlich keine Ahnung von dem Tier. Besonders die umherstreifenden Einzeltiere, mit denen wir in Tirol konfrontiert sind, sind unmöglich in ihrem Wanderverhalten einzuschätzen. Bis ein Nachweis untersucht ist, ist der Wolf oft schon viele Täler weiter, wie wir es bereits erlebt haben.

Welche Worte möchten Sie den Tiroler Bäuerinnen und Bauern ansonsten mitgeben?

LARCHER: Als unmittelbarer Partner der Landwirtschaft setzen wir uns intensiv mit der Thematik auseinander. Wir haben die Jägerschaft darauf sensibilisiert, möglichst alle Nachweise zu melden und somit einen Beitrag zum Monitoring zu leisten. Nur wenn wir alle Hinweise verfolgen, wo und wie sich die Wölfe in Tirol aufhalten und bewegen, kann man Rückschlüsse für ein Wildtiermanagement ziehen. Wir alle werden betroffen sein, wenn sich Wölfe dauerhaft in Tirol aufhalten, weswegen ich die enge Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer und dem Land Tirol sehr schätze. Rechtlich ist allerdings die Politik gefordert, ein Wolfsmanagement umzusetzen, das unsere Almwirtschaft und landeskulturellen Interessen nicht in Gefahr bringt. Die Österreichische Jägerschaft fordert zudem eine Raumplanung für Wölfe mit klaren Handlungsräumen in Hinsicht auf den Umgang mit Wölfen.

Landesjägermeister Anton Larcher
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AUTORred. HP
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