In ganz Europa fahren die Traktoren auf: Bauerndemonstrationen werden seit einigen Monaten in vielen Hauptstädten wie Berlin, Paris oder Madrid organisiert, um gegen die anhaltend schlechte Preislage für landwirtschaftliche Produkte zu protestieren.

Nun gingen auch die Tiroler Bauern auf die Straße – oder konkreter gesagt vor die heimische SPAR-Zentrale in Wörgl. 750 engagierte Bäuerinnen und Bauern demonstrierten mit über 200 Traktoren vor der Tiroler SPAR-Zentrale. Erfreut über den Ansturm zeigten sich die Tiroler Landwirtschaftsvertreter Bauernbundobmann LHStv. Josef Geisler, Bauernbunddirektor BR Dr. Peter Raggl und LK-Präsident NR Josef Hechenberger, LK-Vizepräsidentin Helga Brunschmid, NR Hermann Gahr, die Obleute der Tiroler Jungbauernschaft/Landjugend Dominik Traxl und Stephanie Hörfarter sowie Bezirks- und Ortsbauernobmänner aus ganz Tirol.

Neben einer Fraktion von Salzburger Bauern mit ihrem Vize-Landwirtschaftskammerpräsident Georg Wagner fanden sich auch einige Vorarlberger Bauern, die mit Österreichs Landwirtschaftskammerpräsidenten Josef Moosbrugger nach Wörgl kamen, ein. Der Österreichische Bauernbund nutzte den Aschermittwoch, um einen nationalen Protest vor den Bundesländer-SPAR-Zentralen zu organisieren.

Das Verschleudern von hochwertigen Lebensmitteln und ständige Preisaktionen und -senkungen stellen neben zunehmenden Forderungen des Handels bei Produktionsstandards ein ernstzunehmendes Problem für die heimischen Bauernbetriebe dar. Das Fass zum Überlaufen gebracht haben die dem Vernehmen nach problematischen Milchpreis-Verhandlungen der österreichischen Molkereien mit dem Handelsriesen SPAR. Weiteren Zorn der Bauern beschwor SPAR-Chef Gerhard Drexel in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ herauf. Er meinte darin, dass sich die Bauern froh und dankbar darüber zeigen können, an den Lebensmitteleinzelhandel verkaufen zu dürfen.

Forderungen basieren auf Wertschätzung von Bauern

600 Bäuerinnen und Bauern mit rund 200 Traktoren fanden sich in Wörgl zum Protestmarsch ein.Quelle: BZ/Pixner
600 Bäuerinnen und Bauern mit rund 200 Traktoren fanden sich in Wörgl zum Protestmarsch ein.

„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, wehrt sich auch Tirols Bauernbundobmann LHStv. Josef Geisler gegen die haltlose Behauptung. „Wir haben mit dem Handel – auch mit Spar – in vielen Bereichen eine gute Zusammenarbeit, aber mit dieser Aussage weist Drexel den Bauern die Rolle des Bittstellers zu. Wir sind aber Lebensmittelproduzenten und dürfen uns entsprechende Wertschätzung erwarten.“

In Österreich sind die bäuerlichen Produzenten und die Lebensmittelwirtschaft durch die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel einer enormen Marktmacht ausgesetzt. Die vier größten Handelsketten REWE, SPAR, Hofer und Lidl beherrschen fast 90 Prozent des Marktes. Vor allem klimaschädliche Preisschlachten führen zu einer fehlenden Wertschätzung für unsere hochqualitativen regionalen Lebensmittel und in Folge zu einer fehlenden Wertschöpfung für die Bäuerinnen und Bauern.

„Wir können nicht ständig mehr zum selben Preis produzieren. Das kann kein Berufsstand, das lassen sich die Bauern nicht mehr länger gefallen!“, sprach Josef Moosbrugger am Mittwoch die Bauern an und stellte den Wert der kleinstrukturierten, nicht von Agrarindustrie beherrschten Landwirtschaft Österreichs dar.

„Die Bauern sind kein Volk, das sofort auf die Straße geht. Doch wir müssen ein Zeichen setzen, denn die Wirtschaftssituation so schwierig ist und viele Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand“, so Josef Hechenberger. Er verdeutlichte die Situation der Milchbauern anhand eines Beispiels: Während sein Vater 1990 noch 50 Cent pro Liter Milch verdiente, bekommt der LK-Präsident heute nur mehr 37 Cent pro Liter. „Und das, obwohl die Gentechnikfreiheit eingeführt wurde und auch alle anderen Standards erhöht wurden“, kritisiert er den Wertverfall der Lebensmittel.

Grüner Bericht 2019 zeigt Lebensmittel-Missstand auf

Dass die Landwirtschaft mehr Anerkennung braucht, zeigte bereits der Grüne Bericht 2019, der die Einkommens-, Sozial- und Wirtschaftssituation der Landwirtschaft beleuchtet. „Es geht uns nicht sonderlich gut“, meinte Tirols Bauernbunddirektor BR Dr. Peter Raggl schon bei seiner Präsentation vor dem Bundesrat. Eine Verbesserung ist möglich – unter Rahmenbedingungen, die großteils auch der Handel vorgeben muss. Darunter zum Beispiel eine faire Preisgestaltung bei österreichischer Qualitätsware, eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung und der Verzicht auf Rabattschlachten. „Unsere Bedingungen sind fair. Beste Produkte verdienen auch angemessene Abgeltung“, verdeutlicht Raggl. Gerade SPAR ist eine anspruchsvolle Lebensmittelhandelskette, die laufend Anpassungen bei Produktstandards fordert. „Mit der Adaption der Produktion muss aber auch eine Erhöhung des Preises einhergehen“, fordert BR Raggl konkret.

Zusammenhalt unter Bauern verleiht ihnen starke Stimme

„Wir hoffen, dass der Handel den heimischen Lebensmitteln letztendlich doch die nötige Wertschätzung entgegenbringt und die Protestmaßnahmen ihre Wirkung zeigen. Auf jeden Fall danken wir den Tiroler Bauern für die zahlreiche Teilnahme an der Protestaktion in Wörgl“, so LHStv. Geisler. „Kein Bauer und keine Bäuerin geht gerne auf die Straße, um zu demonstrieren. Manchmal hilft leider nichts anderes. Nur ein starkes Auftreten nach außen bewirkt eine klare Botschaft an Handelsketten und Gesellschaft.“

Weitere Schritte vonseiten der Bauern sind bereits im Gange

Die Proteste vor den Handelszentralen waren lediglich ein erster Schritt. „Neben unserer politischen Tätigkeit scheuen wir uns nicht davor, uns die Hände schmutzig zu machen“, bekräftigt Bauernbundobmann Geisler. „Die untragbare Umgangsweise des Lebensmitteleinzelhandels mit Lieferanten muss sichtbar gemacht werden. Wir sind bereit, uns gegen inakzeptable Preisdrückerei zur Wehr zu setzen!“

 

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