Die Diskussion um steigende Lebensmittelpreise hat zuletzt an Schärfe gewonnen. Bei einer Pressekonferenz ordnete der Wirtschaftsforscher Franz Sinabell vom WIFO die aktuelle Situation ein – und plädierte für mehr Sachlichkeit in der Debatte: „Es ist richtig, dass Österreich im europäischen Vergleich relativ teuer ist“, sagte der Wirtschaftsforscher, „aber im Gegensatz zu vielen anderen Ländern geben österreichische Haushalte nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus.“ Das ist der drittniedrigste Wert in der EU.
Lebensmittel sind zwar teuer, aber leistbar
Laut Sinabell vermittelt die öffentliche Diskussion oft ein verzerrtes Bild: „In den Medien entsteht der Eindruck, als wären Lebensmittel nirgendwo so teuer wie in Österreich. Das stimmt so nicht.“ Eurostat-Daten zeigen, dass in Ländern wie Frankreich oder Italien viele Produkte teurer seien. Auch die Konsumgewohnheiten spielen eine Rolle: „In Österreich wird Frischmilch bevorzugt, während in anderen Ländern fast nur haltbare Milch verkauft wird – das beeinflusst die Preise deutlich.“
Trotz des Preisniveaus bleibe die Leistbarkeit von Lebensmitteln in Österreich hoch. „Ein durchschnittlicher Industriearbeiter kann sich heute mehr Milch, Fleisch oder Brot leisten als früher“, erklärte Sinabell. Nur bei Dienstleistungen – etwa Handwerkerstunden – habe sich die Situation umgekehrt.
Teuerung wird aktuell von Importen getrieben
Der massive Preisanstieg ab 2022 sei direkt auf den Krieg in der Ukraine zurückzuführen. „Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine kam es zu einem starken Preisschub bei Agrarrohstoffen“, so der Experte. Zwar hätten internationale Abkommen eine weltweite Versorgungskrise verhindert, doch „die Unsicherheit hat die Preise getrieben“.
Mittlerweile hätten sich die Agrarpreise wieder beruhigt. Die aktuelle Teuerung gehe nun weniger von heimischen Produkten wie Brot, Milch oder Fleisch aus, „sondern vor allem von Importwaren wie Kakao, Kaffee, Tee und Südfrüchten“.
Anteil für Landwirtschaft beträgt nur vier Prozent
Ein zentrales Anliegen des WIFO ist es, die Wertschöpfungskette transparenter zu machen. Von 100 Euro, die Konsumenten für Lebensmittel ausgeben, bleiben laut Berechnungen nur circa vier Euro in der Landwirtschaft. „Dieser Anteil wird in den nächsten Jahren noch weiter sinken“, befürchtet der Wirtschaftsforscher. Weitere fünf Prozent entfallen auf die Lebensmittelindustrie, während Handel, Gastronomie, Steuern und Importe den Großteil ausmachen. „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Bauern keine Profiteure der Teuerung sind“, betonte Sinabell. Viele hätten mit hohen Kosten und internationalen Preisschwankungen zu kämpfen.
Bereits seit 2022 gibt es die Markttransparenzverordnung, die Einblick in Preisbildungsprozesse erlaubt. „Wir können nun sehen, wie sich der Anteil von Bauern, Mühlen und Handel am Mehlpreis entwickelt“, erklärte der Forscher. Auffällig sei dabei, dass Preiserhöhungen entlang der Kette zwar rasch weitergegeben würden, Preissenkungen aber oft nur verzögert ankommen. „Das nennen wir asymmetrische Preisanpassung.“
Sinabell sprach sich für ein noch stärkeres Monitoring aus – nach französischem Vorbild, wo seit Jahren Preisentwicklungen systematisch erfasst werden. „Preistransparenz kann helfen, die Debatte zu versachlichen. Aber sie garantiert nicht, dass Preise nicht steigen.“ Denn Wirtschaftsforscher könnten zwar dazu beitragen, zu verstehen, wie Preise entstehen. Aber Preistransparenz allein löse das Problem nicht. Sie sorge aber dafür, dass niemand ungerechtfertigt zum Sündenbock gemacht wird: „Auch nicht die Bauern“, so der Experte.
Zu Vorschlägen, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu senken, zeigte sich Sinabell skeptisch. „Das wäre ein kurzfristiger Effekt, müsste aber gegenfinanziert werden. Ich halte es nicht für eine gute Idee, an Symptomen herumzudoktern“, sagte er. Wichtiger sei es, gezielt jene Haushalte zu entlasten, die von der Teuerung besonders betroffen sind.
„Wollen keine Almosen sondern faire Preise“
Laut Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Waldenberger würden sich die Bäuerinnen und Bauern nicht vor staatliche Preiseingriffen fürchten, aber die ständige Diskussion zu den Lebensmittelpreisen schade dem Absatz bäuerlicher Qualitätsprodukte: „Die Bauernschaft will keine Almosen sondern faire Marktbedingungen. Heimische Lebensmittel haben ihren Wert, und sie verdienen auch einen gerechten Preis.“
Es sei jedenfalls ein Widerspruch, wenn in der öffentlichen Diskussion ständig steigende Anforderungen – etwa im Bereich Tierschutz oder Klimaschutz – gestellt werden, gleichzeitig aber die Preise für die Bäuerinnen und Bauern niedrig bleiben.
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Wissenswert
Bei Brot beträgt der Anteil der Landwirtschaft am Regalpreis weniger als fünf Prozent. Bei Milchprodukten liegt er bei circa einem Drittel, bei Butter bei etwa 28 Prozent.
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