Interview mit Präsident Moosbrugger

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LKÖ-Präsident Moosbrugger: „Finger weg von GAP-Geldern“

LK-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger im Gespräch über überfällige Kurskorrekturen in der EU, Brüche in der Einkaufskultur des Handels und warum er in politischen Fragen den viel zitierten Hausverstand zunehmend vermisst.

Herr Moosbrugger, nach wochenlanger Dürre kam nun endlich Niederschlag. Wie groß ist die Erleichterung?

MOOSBRUGGER: Regen ist gut, aber deshalb ist die Trockenheit nicht vom Tisch. Wir haben ein massives Niederschlagsdefizit. Die entscheidende Frage ist: Was passiert die nächsten Wochen? Es braucht weitere Niederschläge, sonst haben wir ein massives Problem in der Land- und in der Forstwirtschaft. In einigen Kulturen kommen sie schon zu spät. Es gibt Schäden.

Welche Lehren muss die Branche aus solchen Dürre-Ereignissen ziehen?

Gegenfrage: Wer trommelt die Themen Klimawandelanpassung und „Raus aus den Fossilen“ mehr als die Landwirtschaft? Als Interessenvertretung stellen wir passende Bildungs- und Beratungsangebote bereit. Auch das Risikomanagement und die Absicherung sind ein Thema. Eines ist aber auch klar: Den Klimawandel kann die Landwirtschaft alleine nicht bremsen, da muss auch in anderen Bereichen etwas passieren. Es wird viel über den Umstieg auf Erneuerbare geredet, aber wenn es ums Tun geht, dann passiert viel zu wenig.

Dass zu wenig passiert, wird von Kritikern auch über die Verhandlungen zur nächsten GAP und dem EU-Budget moniert. Ihre Einschätzung?

Der Vorschlag der EU-Kommission im letzten Sommer hat mich erzürnt. Dass man mehr in die Sicherheit investieren muss, ist nachvollziehbar. Aber dass mehr Geld im gesamten EU-Haushalt vorhanden sein soll und zugleich bei der Landwirtschaft gespart wird, da vermisse ich jeglichen Hausverstand. Europa hat vor Jahren einen völlig fatalen Weg eingeschlagen, der dringend nach einer Kurskorrektur verlangt. Wir haben uns bei der Sicherheit auf Amerika verlassen, bei der Energie auf Russland und bei den Rohstoffen auf China und Australien. Und jetzt wollen wir uns bei Lebensmitteln anscheinend auf ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur und der Ukraine verlassen. Das kann nicht der richtige Weg sein.

Ist die Ankündigung der EU-Kommission, Fleischimporte aus Brasilien wegen Rückständen auszusetzen, als diese Kurskorrektur zu verstehen?

Zumindest greift die EU-Kommission endlich unsere Forderung auf, dass Importe von Produkten in die EU verboten werden sollen, die mit Substanzen und Produktionsweisen hergestellt worden sind, die unsere Betriebe nicht verwenden dürfen. Hier ist die Kommission gefordert, tatsächlich zu liefern. Das gilt auch in anderen Bereichen, Ankündigungen gab es auch von Agrarkommissar Christophe Hansen viele. In Richtung GAP ist jedenfalls eines Fakt: Für weniger Geld wird es dieselben Leistungen der Bauern nicht mehr geben.

Immerhin: Auf nationaler Ebene wird der Bauernschaft mit dem Agrardiesel diesen Dezember etwas mehr Unterstützung zuteil. Reicht das?

Aufgrund der aktuellen Situation mit hohen Kosten, niedrigen Erzeugerpreisen und bescheidenen Ertragserwartungen ist die Auszahlung schon 2026 dringend notwendig und daher zu begrüßen. Eine nachhaltige Verbesserung der Lage werden aber nur kostendeckende Preise für die landwirtschaftlichen Produkte und eine Weiterentwicklung der Märkte bringen können. Es wird mit öffentlichem Geld nicht auszugleichen sein, was wir am Markt verlieren.

Die Marktsituation und die Frage, wer es bezahlt, müssen immer mitgedacht werden.

Josef Moosbrugger

Wie soll das funktionieren?

Es gilt Vernunft zu bewahren und nicht ständig mehr von den Bäuerinnen und Bauern zu verlangen. Was sie zu liefern haben, was sie an Anforderungen zu erfüllen haben. Es braucht bei der überbordenden Bürokratie einfach mehr Spielräume im Alltag. Die Vorgaben haben ein Niveau erreicht, das absolut nicht mehr praxistauglich ist. Da darf man sich nicht wundern, wenn der Frust gegenüber Europa ständig zunimmt.

Frust macht sich auch unter Legehennenhaltern breit. Im Handel gibt es nun Frischeier aus Bayern und ungestempelte ukrainische Eier wurden aus dem Verkehr gezogen. Ist die Handschlagqualität der Abnehmerseite verloren gegangen?

Es trifft mit dem Frischei genau jenes Segment, das lange als Erfolgsweg galt. Insofern kann man von einem Dammbruch sprechen. Nichts, was einer funktionierenden Partnerschaft zuträglich ist. Das gilt auch für die ukrainischen Eier aus Käfighaltung. Wenn etwas hier verboten ist, dann haben so erzeugte Lebensmittel in unseren Supermärkten nichts verloren. Hier erwarte ich mir auch Verlässlichkeit. Gerade von namhaften Unternehmen.

Proaktiv mitgemischt wird auch bei den Neuen Züchtungstechniken. Wird Österreich auf die künftig wohl als konventionell deklarierten NGT-1-Sorten verzichten?

Wir sind Teil der EU und was in der EU gilt, muss auch in Österreich gelten. Sonst gibt es wieder einen Alleingang und Österreich läuft Gefahr, Standards zu schaffen, die uns Bauern niemand bezahlt.

Die öffentliche Debatte wird oft wenig faktenbasiert geführt. Wie kann eine Trendumkehr gelingen?

Es reden viele mit, die weder in der Landwirtschaft arbeiten noch von der Landwirtschaft leben. Das ist das Grundproblem. Die Marktsituation und die Frage, wer es bezahlt, müssen immer mitgedacht werden. Das kommunizieren wir auch und sind damit nicht allein.

Das trifft auch auf die Renaturierungsverordnung zu. Wie ist hier der Stand?

Zugestimmt hat bekanntlich die damalige Umweltministerin Leonore Gewessler, und es bestätigt sich unsere scharfe Kritik: Man hat einem Vertrag zugestimmt, ohne dessen Inhalt zu kennen. Bis heute ist die EU außerdem einen Finanzierungsplanung schuldig geblieben. Aus österreichischer Sicht: Wir sind in der Landwirtschaft am nachhaltigsten in Europa unterwegs. Was nicht passieren darf, ist, dass jetzt manche darüber nachdenken, wie man mit GAP-Geldern die Renaturierung finanziert. Finger weg vom Geld der Gemeinsamen Agrarpolitik! Wenn man renaturieren will, dann ist zusätzliches Geld bereitzustellen, um diese Leistungen zu finanzieren.

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