Immer wieder habe ich die Ehre, Moderationen im bäuerlichen Wirkungskreis innezuhaben. So oft spürt man dabei den Stolz und Zusammenhalt, die Wertigkeit der körperlichen Arbeit und kann beiwohnen, wenn sich Menschen in der Landwirtschaft unermüdlich den neuen Herausforderungen der Zeit stellen.
Doch sehr oft, wenn es darum geht, die Bauernschaft vor den Vorhang zu holen, ihr Bühne zu geben oder sie gar auszuzeichnen, spürt man eine seltsam gehemmte Freude, die sich sogar ablehnend anfühlen kann. Lange konnte ich es nicht einordnen, was mir da entgegenschwappte. In einem Gespräch mit einem sehr klugen Menschen habe ich dazu neulich den Begriff „bäuerliche Scham“ aufgeschnappt. Denn heutige Betriebsführerinnen und Betriebsführer haben als Kinder früh gelernt, sich klein zu machen, ihre Sprache zu glätten, ihre Hände zu verstecken, ihre Herkunft lieber nicht zu erwähnen, um nicht einfach, ungebildet oder roh zu gelten. Was heute also im Rampenlicht auf den ersten Blick wie eine persönliche Unsicherheit wirkt, ist in Wahrheit die stille Erbschaft einer ganzen Klasse – ein generationenübergreifendes Minderwertigkeitsgefühl, das man als „bäuerliche Scham“ benennen könnte. Diese Scham hat eine lange Geschichte. In vielen Familien hat sie sich tief eingeprägt. Viel zu tief aus meiner Sicht. Denn das Bild hat sich längst gedreht. Wer Tiere nährt und Felder bestellt, bietet Grundlage des Lebens für uns alle. Scham hat also aufseiten der kaum mehr drei Prozent der Bevölkerung lange nichts mehr verloren und sollte längst von purem Stolz ersetzt werden.
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