Zwischen Tradition, Verantwortung und gesellschaftlichem Wandel: Der oberösterreichische Landesjagdverband nutzte sein 80-jähriges Bestehen, um bei einer Pressekonferenz zentrale Zukunftsfragen der Jagd zu diskutieren. Landesjägermeister Herbert Sieghartsleitner warnte dabei eindringlich vor einer Entfremdung der Jagd von ihren ethischen Grundwerten.
Nutzungsdruck auf die Natur steigt
„Die Jagd bewegt sich heute in einem großen Spannungsbogen zwischen Bewahrung und Veränderung“, erklärte Sieghartsleitner. Einerseits gehe es darum, jagdliche Traditionen, Werte und Rituale zu erhalten, andererseits müsse sich die Jagd den gesellschaftlichen Entwicklungen und neuen Herausforderungen stellen.
Besonders deutlich werde dieser Wandel durch den steigenden Nutzungsdruck auf die Natur. Immer mehr Menschen würden Wälder und Freiräume für Freizeit und Erholung beanspruchen. Gleichzeitig werde oft vergessen, dass auch Wildtiere Anspruch auf Rückzugsräume hätten. „Unsere Aufgabe als organisierte Jägerschaft ist es, den Wildtieren eine Stimme zu geben“, betonte der Landesjägermeister.
Klimawandel verändert auch die Jagd
Große Herausforderungen sieht die Jägerschaft auch im Klimawandel. Der Umbau der Wälder hin zu trockenheitsresistenteren Baumarten beeinflusse unmittelbar die Wildbestände und damit auch die Aufgaben der Jagd. Wildtierbestände müssten verantwortungsvoll reguliert werden, um junge Waldbestände zu schützen und gleichzeitig den Lebensraum der Tiere zu erhalten.
Dabei dürfe jedoch nie vergessen werden, dass Wildtiere fühlende Lebewesen seien. „Wildtiere empfinden Angst, Stress und Leid. Deshalb darf der Zweck niemals alle Mittel heiligen“, sagte Sieghartsleitner.
Besonders kritisch sieht er die rasante technische Entwicklung bei Waffen- und Zieltechnik. KI-unterstützte Systeme würden die natürlichen Fähigkeiten des Menschen mittlerweile weit übertreffen und das bisherige Gleichgewicht zwischen Mensch und Wildtier verschieben. „Jagd ist kein perfektionierter Tötungsakt. Sie muss dem Wild immer eine faire Chance des Entkommens lassen“, stellte Sieghartsleitner klar. Nicht alles, was technisch möglich sei, dürfe auch eingesetzt werden.
Gesunde, angepasste Wildbestände und eine enge Zusammenarbeit mit Forst- und Landwirtschaft sind wesentliche Voraussetzungen für stabile Wälder und funktionierende Öko-systeme.
Landesjägermeister Herbert Sieghartsleitner
Immer mehr Frauen auf der Pirsch
Dass sich die Jagd auch gesellschaftlich verändert, zeigt der steigende Anteil an Frauen. Rund zwölf Prozent der oberösterreichischen Jägerschaft sind mittlerweile weiblich – Tendenz steigend.
Die Sozialwissenschafterin Isabella Boitllehner, selbst Jägerin, sieht darin einen wichtigen gesellschaftlichen Gewinn: „Wir kommunizieren stärker die emotionale Komponente – warum Jagd notwendig ist und welche Haltung dahintersteht.“ Frauen würden häufig andere Zugänge in die Jagd einbringen und stärker vermitteln, dass Jagd immer auch Verantwortung für das große Ganze bedeute. Boitllehner betonte zudem, dass Jagd weit mehr sei als das Erlegen von Wild. Entscheidend seien Wissen, Respekt vor dem Tier und ein bewusster Umgang mit Natur und Lebensraum.
Weidgerechtigkeit als ethischer Kompass
Unterstützung erhielt die Jägerschaft von Ethiker und Theologen Michael Rosenberger, der die Bedeutung der Weidgerechtigkeit hervorhob. Diese müsse auch unter modernen gesellschaftlichen Bedingungen Orientierung geben.
„Weidgerechtigkeit ist ein Leitbild für verantwortungsvolle Jagd“, sagte Rosenberger. Dabei gehe es nicht nur um das einzelne Tier, sondern auch um den verantwortungsvollen Umgang mit dem gesamten Ökosystem.
Besonders wichtig seien Rituale und Haltungen, die Respekt vor dem Wild ausdrücken. Gleichzeitig brauche es klare Grenzen gegenüber Fehlverhalten innerhalb der Jägerschaft. Transparenz und Verantwortungsbewusstsein seien entscheidend, um das Vertrauen der Gesellschaft zu erhalten.
Für Landesjägermeister Sieghartsleitner bleibt genau dieser Wertekompass die zentrale Herausforderung der Zukunft: Die Jagd müsse modern bleiben, ohne ihr ursprüngliches Wesen zu verlieren.
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