Herr Kasser, wie lautet Ihre erste Bilanz nach rund 100 Tagen im Amt?
Kasser: Ich habe diesen Schritt nie bereut, im Gegenteil. Die Kombination aus Gesundheit und Finanzen ist besonders spannend, weil in beiden Bereichen derzeit enorm viel passiert. Mit dem Gesundheitsplan 2040+ sind wir gut auf Kurs, auch wenn Veränderungen immer Diskussionen auslösen. Wichtig ist, dass wir diesen Prozess aktiv begleiten und den Menschen klar vermitteln, welchen Nutzen er bringt. Gleichzeitig stehen wir vor großen finanziellen Herausforderungen auf allen Ebenen. Gesundheit kostet viel Geld, daher müssen wir beide Bereiche gemeinsam denken. Unser Ziel ist klar: den Stabilitätspakt einhalten und das Landesbudget wieder auf eine stabile Basis bringen.
Ihr Ressort umfasst die zentralen Themen Finanzen und Landeskliniken. Wie wird hier in Richtung ländlichem Niederösterreich priorisiert?
Als ehemaliger Bürgermeister kenne ich die finanziellen Herausforderungen der Gemeinden sehr gut. Die kommenden Jahre werden schwierig, für Gemeinden wie fürs Land. Wir werden die Kommunen aber gut begleiten, fachlich wie strukturell. Viele überlegen derzeit, wie sie Aufgaben effizienter organisieren können, inklusive notwendiger Gebührenanpassungen. Ein wichtiger Hebel sind Gemeindekooperationen. Gemeinsam mit dem Gemeindebund arbeiten wir daran, diese zu erleichtern, auch bei Themen wie der Mehrwertsteuer, wo wir den Finanzminister benötigen. Unser Ziel ist es, die Gemeinden bestmöglich durch diese Phase zu führen.
Wie ist Niederösterreich derzeit finanziell aufgestellt?
Insgesamt sind wir sehr gut aufgestellt. Mit dem Gesundheitsplan verfolgen wir klare Ziele, die auch große Investitionen vorsehen, von neuen Spitälern bis hin zu umfassenden Maßnahmen im Bestand. Auch die Gemeinden haben in den letzten Jahren viel umgesetzt, etwa mit der Kindergartenoffensive, die weitgehend abgeschlossen ist. Beim Straßenbau wollen wir zwar etwas Tempo herausnehmen, aber gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Land und Gemeinden wichtige Auftraggeber sind und die Wirtschaft diese Impulse braucht. Es geht also darum, eine gute Balance zu finden.
Die kommenden Jahre werden schwierig, für Gemeinden wie fürs Land. Wir werden die Kommunen aber gut begleiten.
Anton Kasser
Bäuerliche Familienbetriebe sind wichtige wirtschaftliche Säulen in den Regionen. Welche Rolle spielen stabile Landesfinanzen für die Entwicklung des ländlichen Raums?
Da hängt vieles zusammen. Wenn wir als Land finanziellen Spielraum haben, können wir die Gemeinden weiterhin gut unterstützen, etwa bei Güterwegen und vielen anderen Projekten. Die Kammerfinanzierung spielt dabei eine zentrale Rolle, weil sie für die Landwirtschaft und unsere Familienbetriebe von großer Bedeutung ist. Ein Beispiel dafür ist auch der Einkauf in unseren Kliniken, wo wir bereits rund 96 Prozent regionale Produkte verwenden. Das zeigt unser klares Bekenntnis zu den bäuerlichen Familienbetrieben und zur Produktion in Niederösterreich.
Ein großes Thema in den agrarisch geprägten Bezirken ist der Zugang zu wohnortnaher medizinischer Versorgung. Hat Niederösterreich hier noch Luft nach oben?
Der Gesundheitsplan ist genau die Antwort auf diese Frage. Wir können nicht überall alles anbieten, aber wir sorgen dafür, dass an den richtigen Standorten die beste Versorgung verfügbar ist. Wenn man dafür einmal weiter fahren muss, aber dann top medizinisch betreut wird, sollte das im Interesse aller sein. Niederösterreich bleibt flächendeckend gut versorgt und hochwertige Medizin bleibt wohnortnah erreichbar. Mobilität ist dabei kein Hindernis, sondern ermöglicht eine sinnvolle, qualitätsvolle Versorgung.
Welche Maßnahmen setzt das Land zur Stärkung und Modernisierung der Landeskliniken, insbesondere im Weinviertel? Erfahren Sie in der Sache auch Gegenwind?
Im Weinviertel sind wir grundsätzlich gut unterwegs, auch wenn es bei der Standortfrage natürlich Diskussionen gibt. Eine Expertenkommission prüft derzeit sehr genau, welcher Standort für ein neues Krankenhaus am sinnvollsten ist. Insgesamt verfolgen wir klar den Weg der Spezialisierung und der Bündelung von Kräften, um dort, wo Versorgung stattfindet, die beste Qualität zu bieten. Und zusätzlich setzen wir auf Primärversorgungszentren in den Bezirkshauptstädten, die rund um die Uhr erreichbar sein werden. Und auch Telemedizin wird weiter an Bedeutung gewinnen, etwa über die telefonische Gesundheitsberatung 1450, wo die Menschen rasch und fachlich fundiert Auskunft erhalten.
Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist omnipräsent, wie kann eine Trendumkehr gelingen?
Der Fachkräftemangel ist nicht nur im Gesundheitswesen ein Thema, aber gerade dort spürt man ihn besonders. Gleichzeitig hat sich bei uns in den letzten Jahren sehr viel positiv entwickelt. Wir haben mehrere Gesundheits- und Krankenpflegeschulen, etwa in Mauer, am Campus Mostviertel, in Hollabrunn oder Mistelbach, und erleben derzeit volle Klassen und eine sehr gute Bewerberlage. Das zeigt, dass unsere Maßnahmen wirken: von gezielten Förderungen bis hin zu Stipendien von rund 600 Euro monatlich. Auch bei den Ärztinnen und Ärzten sehen wir eine erfreuliche Entwicklung mit steigenden Bewerbungszahlen. Insgesamt spürt man, dass hier ein richtiger „Drive“ hineingekommen ist.
Digitalisierung wird oft als Chance in den Regionen genutzt, welche Fortschritte gibt es bei den digitalen Gesundheitsangeboten, von denen auch Menschen in ländlichen Gebieten profitieren können?
Digitalisierung wird im Gesundheitsbereich immer bedeutender. Beim Notruf 144 sieht man das besonders gut: Über die Notruf-App wird automatisch der Standort mitgesendet und die Mitarbeiter in der Notrufzentrale können per Video live sofort Anleitungen geben. Auch in unseren Kliniken spielt Digitalisierung eine immer größere Rolle. Und mit dem Telefonservice unter der Nummer 1450 sowie der Telemedizin haben wir bereits sehr erfolgreiche digitale Angebote, die wir weiter ausbauen müssen. Da werden wir in den nächsten Jahren große Schritte machen.
Insgesamt verfolgen wir klar den Weg der Spezialisierung und der Bündelung von Kräften, um dort, wo Versorgung stattfindet, die beste Qualität zu bieten.
Anton Kasser
Welche Projekte oder Investitionen werden in den nächsten sechs bis zwölf Monaten in der Zeit besonders Gewicht bekommen?
Für die Region Waldviertel haben wir 154 Millionen Euro beschlossen. Die Projekte sind bereits in Umsetzung und folgen klar dem Gesundheitsplan. Dabei werden Abteilungen neu geordnet und Standorte entsprechend weiterentwickelt. Parallel treiben wir die Planung in Wiener Neustadt voran und im Weinviertel starten wir, sobald der Standort fixiert ist. Nicht alles kann gleichzeitig passieren, aber Schritt für Schritt kommen wir voran. Insgesamt denken wir in einem Fünfzehn-Jahres-Zeitraum, um das System nachhaltig zu modernisieren.
Welche Begegnungen mit den Landsleuten sind Ihnen in den vergangenen Wochen und Monaten im Amt besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt viele schöne Momente. Durch meine früheren Funktionen kenne ich viele Menschen im ganzen Land und es freut mich jedes Mal, Bekannte zu treffen, ins Gespräch zu kommen und sich offen auszutauschen. Ich schätze diese ehrliche Kommunikation sehr und das funktioniert wirklich bestens. Seit meinem Amtsantritt bin ich rund 25.000 Kilometer unterwegs gewesen und genau diese Begegnungen machen für mich einen wichtigen Teil dieser Aufgabe aus.
Zur Person
Anton Kasser, Jahrgang 1963, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der gelernte landwirtschaftliche Facharbeiter prägte über 30 Jahre als Bürgermeister die Marktgemeinde Allhartsberg. Zusätzlich war er von 2016 bis 2025 Präsident der NÖ Umweltverbände sowie von 2018 bis 2025 Präsident der ARGE Österreichischer Abfallwirtschaftsverbände. Zwischen 2009 und 2025 gehörte er dem Niederösterreichischen Landtag als Abgeordneter an. Seit 2025 ist er Landesrat für Finanzen und Landeskliniken.
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