Zwei Frauen stehen vor Bannern in einem Raum. Eine trägt einen schwarzen Anzug, die andere ein pinkfarbenes Kleid mit Jeansjacke.

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Lebensqualität Bauernhof Tirol macht Mut zur Hilfe

Seit 20 Jahren begleitet Lebensqualität Bauernhof in Tirol bäuerliche Familien in schwierigen Lebenssituationen. Mitbegründerin Angelika Wagner und ihre Nachfolgerin Anna Deutsch sprechen über Generationenkonflikte und den Mut, sich frühzeitig Unterstützung zu suchen.

Was bedeutet Lebensqualität in einem Umfeld, das zugleich Arbeitsplatz, Familienbetrieb und Zuhause ist?

WAGNER: Ein Bauernhof birgt ein komplexes System. Familie, Beruf und Freizeit – wobei Freizeit oft rar ist – sind da ganz eng miteinander verbunden. Das Leben mit mehreren Generationen kann Vorteile haben, wenn es halbwegs funktioniert. Man kann am Hof alt werden, hat sein Zuhause, ist Teil eines großen Ganzen. Auch bei der Kinderbetreuung kann das eine Stärke sein, sofern man das möchte. Gleichzeitig bekommt man natürlich sehr viel voneinander mit. Man hat viele Beobachtungsmöglichkeiten in diesem Umfeld. Für mich zeigt sich Lebensqualität am Bauernhof daher in beidem: in den besonderen Herausforderungen, aber auch in den besonderen Qualitäten dieses Lebens.

Lebensqualität Bauernhof gibt es in Tirol seit 20 Jahren. Wie haben sich die Themen in dieser Zeit verändert?

WAGNER: Das große Hauptthema ist nach wie vor das Zusammenleben der Generationen. Was ich beobachte: Bei jungen Paaren spitzt sich manches zu. Sie sind mit ihren Erwartungen an Beziehung sehr gefordert, und das trifft am Hof oft auf tradierte Bilder und Strukturen. Der Schritt heraus aus alten Rollenbildern und gewachsenen Systemen ist noch nicht überall gelungen. Gleichzeitig hat sich die Offenheit deutlich verändert. Heute wird mehr über Belastungen gesprochen. Funktionärinnen und Funktionäre sind in der Öffentlichkeit eher bereit zu sagen, dass wir auch auf die psychische Gesundheit von Bäuerinnen und Bauern schauen müssen. Corona hat dazu sicher noch einmal beigetragen, weil psychische Belastungen seither generell in der Gesellschaft genauer benannt werden.

Erste Hilfe für die Seele sollte so selbstverständlich werden wie Erste Hilfe für den Körper.

Angelika Wagner

Woran merkt man, dass der Punkt erreicht ist, an dem man sich Hilfe holen sollte?

WAGNER: Das ist oft gar nicht so leicht zu erkennen. Viele fragen sich: Muss ich jetzt einfach durchbeißen? Manchmal merkt man gar nicht, oder man schaut noch nicht genau hin, dass man seit Monaten nicht mehr richtig schlafen kann. Oder dass man schwer aufsteht und es eigentlich nicht mehr geht. Das Durchbeißen, dieses Aushalten über die eigenen Grenzen hinaus, ist im ländlich-bäuerlichen Bereich sehr stark verankert. Erste Hilfe für die Seele sollte so selbstverständlich werden wie Erste Hilfe für den Körper.

Warum fällt es vielen schwer, um Unterstützung zu bitten?

DEUTSCH: Ein großes Thema ist die Scham. Da ist schnell der Gedanke: Wenn das nur irgendjemand mitkriegt. Auch deshalb ist uns ein diskretes Angebot so wichtig. Wir suchen niemanden auf, sondern die Menschen kommen zu uns – an die Beratungsstellen in den Bezirkslandwirtschaftskammern oder telefonisch. Wir helfen dann weiter oder vermitteln passende Angebote. Auch das bäuerliche Sorgentelefon wird gut angenommen. Diese Angebote sind kostenlos nutzbar. Es ist wichtig, sich zu trauen, frühzeitig Unterstützung zu holen. Je länger man wartet, desto komplexer und schwieriger wird es meist, aus einer belastenden Situation herauszufinden.

Je länger man wartet, desto komplexer und schwieriger wird es meist, aus einer belastenden Situation herauszufinden.

Anna Deutsch

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Aufgaben für die Zukunft?

DEUTSCH: Wesentlich ist, die Bäuerinnen und Bauern weiter darin zu bestärken, das Angebot ohne Scham und Angst zu nützen. Zudem braucht es die Sensibilisierung und Bestärkung der Funktionärinnen und Funktionäre, gut hinzuschauen und dort, wo es möglich ist, erste Unterstützung zu leisten. Und es geht um die Weiterentwicklung und Stärkung des Angebots selbst. Das Vertrauen ist da, die Nachfrage ist da. Damit Lebensqualität Bauernhof weiterhin gut arbeiten kann, braucht es aber auch die entsprechenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen – hier ist die Politik gefordert, entsprechende Notwendigkeiten anzuerkennen.

Lebensqualität Bauernhof Tirol

Im Gründungsjahr 2006 wickelte Lebensqualität Bauernhof Tirol die Betreuung von 140 Familien oder Einzelpersonen ab. Im Jahr 2026 ist diese Zahl auf 535 gestiegen. Ebenso wurde das Angebot des bäuerlichen Sorgentelefons ausgebaut: 2025 wurden bundesweit 515 Beratungsgespräche geführt; auch zwei Telefonistinnen aus Tirol wirkten dabei mit.

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