Sie wurden vor zehn Jahren von Papst Franziskus zum Bischof der Diözese Linz ernannt. Wie fällt Ihre Bilanz für diesen Zeitraum aus?
Scheuer: Es ist noch nicht die Zeit, Bilanz zu ziehen – wie etwa im Sinne einer Pensionierung. Wichtig erscheint mir eher: Was nehme ich aus zehn Jahren Vergangenheit in den Blick? Es ist die Frage: Bin ich ein liebender, ein hoffender, ein glaubender Mensch im Angesichte Gottes, im Angesichte der anderen und auch gerade der Armen gewesen? Ja wir haben in den letzten zehn Jahren gemeinsam im Hinblick auf Strukturen manches verändert. Ich hoffe, dass diese Strukturen – sie haben Dienstcharakter, sind kein Selbstzweck – uns helfen, freier die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft in der Seelsorge und in der Caritas bewältigen zu können.
Immer mehr Menschen gehen, wenn überhaupt, nur noch „alle heiligen Zeiten“ – sprich zu Weihnachten und Ostern – in die Kirche. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Da gibt es zum einen eine starke Individualisierung im Glauben. Dass der Glaube Gemeinschaft braucht, das ist nicht in allen Herzen gleich verankert. Zum anderen finden manche Menschen auch an anderen Orten Stille und Einkehr. Das ist ja durchaus gut so. Aber natürlich ist zu fragen: Was geht uns denn ab, wenn wir nicht mehr ausdrücklich das Evangelium hören oder miteinander feiern, füreinander beten, aufeinander warten, füreinander eintreten? Und doch werden auch andere Gottesdienste mit vielen Menschen gefeiert – wie etwa Palmsonntag, Adventkranzweihen oder Erntedankfeste. Ich nehme schon wahr, dass es Menschen weiterhin wichtig ist, dass wir miteinander glauben, füreinander da sind und die Gemeinschaft einen Mehrwert hat.
Ich verbinde Weihnachten mit der Bedeutung der Geburt eines Kindes.
Manfred Scheuer
Bischof der Diözese Linz
Sei es jetzt Gott, die Politik oder auch die Medien – was sind Ihrer Meinung nach Gründe dafür, warum Menschen immer weniger Glauben in etwas haben?
Ich möchte den Glauben in den Herzen der Menschen nicht beurteilen nach einem „Mehr“ oder „Weniger“. Ich nehme schon ein Suchen wahr, eine Sehnsucht, die in gar nicht so wenigen Menschen da ist. Ich hoffe freilich, dass Menschen wieder mehr entdecken, wie kostbar ein Glaube ist, der alle Sinne einbezieht. Natürlich gibt es auf der anderen Seite auch Menschen, die mit dem Glauben, mit der Religion, mit der Kirche wenig oder gar nichts zu tun haben wollen. Ich möchte von denen auch lernen bzw. schauen: Was ist denn das Körnchen Wahrheit gerade bei denen, die uns kritisieren?
Welche Bedeutung hat das Weihnachtsfest für die Christen in der heutigen Zeit?
Ich verbinde Weihnachten mit der Bedeutung der Geburt eines Kindes. Damit fängt etwas Neues an. Jedes Kind ist ein Versprechen Gottes für unsere Welt: Ja, es gibt Hoffnung, es gibt Zuversicht. Und zum anderen verbinde ich mit dem Weihnachtsfest, mit der Menschwerdung Gottes, auch die Würde des Menschen. „Mensch, erkenne deine Würde“ hat Leo der Große in einer Weihnachtspredigt schon im 5. Jahrhundert gesagt, in einer Zeit gewaltiger kultureller und politischer Umbrüche. Die Würde des Menschen zu erkennen und zu leben, weist auf die Bedeutung der Humanität hin. Manche sprechen davon, dass das ein Gefasel ist. Ich halte es für eine große Gefahr, das Menschliche zu vergessen oder schlechtzumachen.
Was gibt mir Hoffnung? Letztendlich ist es Jesus Christus selbst.
Manfred Scheuer
Bischof der Diözese Linz
In vielen Familien wird mit perfekt aufgeputztem Christbaum, unzähligen Geschenken und jeder Menge Glitzer gefeiert. Was ist aus der eigentlichen Weihnachtsbotschaft geworden?
Ich glaube schon, dass der aufgeputzte Christbaum, die Geschenke und auch die Glitzersachen etwas vermitteln können, was in uns drinnen steckt. Der Christbaum steht ja für Leben, für Hoffnung und für Licht. Die Geschenke stehen dafür, dass das Leben eine Gabe ist, dass wir letztlich nicht alles einfordern können, auf das meiste nicht einmal Anrecht haben, auch das Wesentliche wird uns geschenkt, zum Beispiel die Liebe. Und ich verbinde auch mit der Schönheit des Festes eine Verheißung, dass das Leben schön ist. Natürlich weiß ich auch, dass das oft verfremdet, manches verkauft, vieles vergessen wird, aber ich halte es nicht für angemessen, das Weihnachtsfest zum Anlass zu nehmen, alle Leute zu beschimpfen.
Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Besinnlichkeit – worauf sollen die Menschen sich genau besinnen?
Besinnlichkeit heißt Einkehr nach innen und sich selber annehmen. Das kann ich deswegen tun, weil Gott mich angenommen hat, weil Gott in mein Innerstes einkehrt zu Weihnachten. Es ist auch von entscheidender Bedeutung, dass Weihnachten ein Fest des Friedens ist. Ich hoffe sehr, dass gerade an diesem Fest Wunden heilen. Oder auch, dass Einsamkeit überwunden wird, und dass Versöhnung geschieht.
Zur Weihnachtszeit ist die Farbe Grün für die Hoffnung vorherrschend – worauf soll man in Zeiten wie diesen (Wirtschaftskrise, Krieg etc.) hoffen und was gibt Ihnen Hoffnung?
Der Grund der Hoffnung ist vom Evangelium her Gott selber. Ich hoffe, dass Gott letztlich mit uns und mit mir dem Frieden zum Durchbruch verhelfen wird. Ich hoffe auch, dass er die Wunden heilen wird, und ich hoffe, dass er die Toten lebendig machen kann. Was gibt mir Hoffnung? Letztlich ist es Jesus Christus selbst.
Es sind die Bäuerinnen und Bauern, die nicht nur zu Weihnachten für einen reich gedeckten Tisch sorgen. Erfahren sie von der Gesellschaft für ihre Arbeit auch ausreichend Wertschätzung?
Das Anliegen der Wertschätzung ist, glaube ich, quer durch alle Generationen und Berufsgruppen da. Bei der Wertschätzung kommt letztlich die Frage zum Ausdruck: Was bin ich denn wert? Das gilt auch für Lebensmittel und menschliche Arbeit generell. Ich halte es für eine wichtige Aufgabe, den Wert der Lebensmittel zu erkennen und die Wertschätzung für Arbeit – die eigene und die der anderen – hochzuhalten. Gerade in einer Zeit der Automatisierung wissen viele nicht mehr, was etwa von den Bäuerinnen und Bauern auch an Herzblut, Schweiß, Arbeit, Mühe und Kreativität, an Lust und Freude in den Lebensmitteln steckt.
Weniger ist manchmal mehr. Sich für etwas fünf Minuten mehr Zeit zu nehmen, kann große Wirkung haben.
Manfred Scheuer
Bischof der Diözese Linz
Ist es im Sinne der Schöpfungsverantwortung nicht auch Auftrag der Kirche, für regionale Lebensmittel zu werben?
In den vergangenen Jahrzehnten haben wir auch in der Kirche die Prinzipien „bio, fair und regional“ zu leben versucht, das heißt Lebensmittel im Sinne einer nachhaltigen Verantwortung für die Schöpfung zu produzieren, zu kaufen und konsumieren. Es ist wichtig, regionale Lebensmittel zu fördern, weil sie einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben. Ich halte es zudem für einen großen Wert, dass Lebensmittel auch nach einer Region schmecken.
Welchen Ratschlag möchten Sie den Leserinnen und Lesern geben, um in dieser hektischen Zeit auch zur Ruhe kommen zu können?
Das hängt vom Lebens- und Arbeitsrhythmus der Einzelnen und von den Gründen und Motiven dafür ab, dass sie hektisch oder in Unruhe leben müssen. Insofern möchte ich das Folgende als einen Rat für Einzelne verstanden wissen und nicht als einen Ratschlag, der für jede und jeden gilt: Weniger ist manchmal mehr. Sich für etwas fünf Minuten mehr Zeit zu nehmen, kann große Wirkung haben.
Steckbrief
Manfred Scheuer wurde am 10. August 1955 in Haibach ob der Donau geboren. Am 21. Oktober 2003 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese Innsbruck. Erzbischof Alois Kothgasser weihte Scheuer am 14. Dezember 2003 im Innsbrucker Dom zum Bischof. Am Mittwoch, 18. November 2015, ernannte Papst Franziskus Manfred Scheuer zum neuen Bischof der Diözese Linz.
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