Wintertagung: „Europa muss sich selbst versorgen“

Pernkopf und Köstinger beim Pressegespräch zur Eröffnung der Wintertagung 2021 des Ökosozialen Forums.

Die 68. Wintertagung hat begonnen – und eines steht schon jetzt fest: Heuer ist alles anders. Über 100 Referent werden bis 28. Jänner an den insgesamt neun Online-Fachtagen sprechen. Der Präsident des Ökoszozialen Forums, Stephan Pernkopf, zeigte sich zur Eröffnung am Donnerstag hoch erfreut: „Es haben sich mehr als 7.000 Menschen angemeldet“, normalerweise liege die Teilnehmerzahl bei knapp über 3.500 Interessierten.

Das zeigt das Interesse der Landwirtschaft an Lösungsansätzen und einem Ausweg aus der Krise mehr als deutlich. Das Thema der diesjährigen Wintertagung lautet daher nicht umsonst „Gemeinsam is(s)t man besser. Gemeinsam aus der Krise lernen. Gemeinsam zukunftsfit werden.“ Für Pernkopf ist es unerlässlich genau darüber zu sprechen, denn: „Die Vergessenskurve ist eine steile“. Kaum wer habe noch präsent, dass vor etwas weniger als einem Jahr, am 13. März 2020, Hamsterkäufe, leere Regale und geschlossene Grenzen die Schlagzeilen dominierten. Die Versorgungssicherheit sei mehr denn je in den Vordergrund gerückt, das dürfe man nicht vergessen. „Der Handel stellt die Regale zwar auf, aber die Bäuerinnen und Bauern sind es, die diese Regale füllen“, so Pernkopf, der in der Wintertagung ein Instrument dazu sieht, die Systemrelevanz der heimischen Landwirtschaft zu untermauern.

Investitionen für den Weg aus der Krise

Für den Präsidenten des Ökoszoialen Forums ist Corona nämlich der Gamechanger für die heimische Landwirtschaft ebenso, wie für ganz Europa. Er betont daher: „Europa muss in der Lage sein, sich selbst zu versorgen“. Wie prekär die Lage ist, habe man im Laufe des vergangenen Jahres nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch im Bereich der Medikamente gesehen. Er sieht die Sicherstellung der Versorgungssicherheit daher auch als Sicherstellung der strategischen Autonomie Europas.

So sei der Green Deal der Europäischen Kommission zwar prinzipiell zu begrüßen, da bei der Lösungssuche die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet wird. „Aber der Green Deal, der nun am Tisch liegt, verkennt die Zeichen der Zeit. Er ist ein Deal aus der alten Welt vor Corona, macht unsere Volkswirtschaft verwundbar und schwächt unsere Selbstversorgung. Denn unter diesem grünen Deckmantel versucht besonders der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, die Stilllegung von landwirtschaftlichen Flächen zu erreichen“, kritisiert Pernkopf.

So würden laut Berechnungen des US-Landwirtschaftsministeriums die Produktion um 12 Prozent und die landwirtschaftlichen Einkommen für die europäischen Bauern um 16 Prozent sinken. Das gefährde die bäuerlichen Betriebe und die Selbstversorgung mit Lebensmitteln, erhöhe die Abhängigkeit von anderen Ländern und den Hunger auf der Welt. Zudem werde nirgendwo so umweltgerecht produziert wie in Europa. Für solche emmissionsstarken Standorte außerhalb Europas, die „einen Totalschaden für Umwelt, Klima und Tierwohl bedeuten“, zeigt er kein Verständnis. Das machte er beim Auftakt der Wintertagung mehr als deutlich. Nicht zuletzt deshalb bräuchten die heimischen Bauern als Ausweg aus der Krise ein Umfeld, in dem Investitionen möglich sind.

Köstinger: „Qualität vor Quantität“

Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger unterstrich das. Dem Krisenjahr 2020 mit Corona-Maßnahmen, den Verwerfungen am Schweinemarkt (ausgelöst durch die Afrikanische Schweinepest in Deutschland) und dem Brexit sei durch drei Ansätze entgegengetreten worden: Unterstützen, Entlasten und Investieren, z.B. durch den Waldfonds mit 350 Mio. Euro und auch die Covid-Investitionsprämie. So seien fast 300 Mio. Euro auch direkt in den ländlichen Raum geflossen, meinte Köstinger, die auch festhielt: „In der Zukunft wird Qualität vor Quantität stehen“.

Sie ging dabei einerseits auf ihr klares Nein zu Mercosur ein. Das Handelsabkommen könne nur zum Nachteil der europäischen Landwirtschaft und somit zu den Klimazielen, die etwa auch in der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) festgehalten sind. Köstinger bekannte sich zwar zu diesen Zielen ( „Wir gehen in Österreich seit Jahrzehnten diesen Weg“), betonte aber erneut, dass das nur durch kurze Transportwege und eine eindeutige Herkunftskennzeichnung möglich sei.

Auf der anderen Seite sprach sie die Bestrebungen zu mehr Tierwohl in der Produktion an. „Das ist ein großer Wunsch der Konsumentinnen und Konsumenten. Die Landwirtinnen und Landwirte kommen dem auch gerne nach“, so Köstinger. Gleichzeitig werde es aber auch Konsumenten brauchen, die bereit sind, ein paar Cent mehr zu zahlen, so die Ministerin.

All diese Themen werden im Verlauf des Eröffnungstages intensiv behandelt. Unter anderen sprechen dabei zum Thema Agrarpolitik die deutsche Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, der Generaldirektor der FAO, Qu Dongyu, und EU-Kommissar Johannes Hahn.

(red.V.S.)

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  • Wintertagung 2021 – Pressegespräch Und Eröffnungstag Agrarpolitik: Ökosoziales Forum Österreich & Europa/APA-Fotoservice/Schedl Fotograf/in: Ludwig Schedl
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