Von Bienen und ­Königinnen

Ihre Eltern waren die ersten Erwerbsimker Österreichs. Von ihnen hat Heidrun Singer die Liebe zu den Bienen ebenso übernommen wie den Imkereibetrieb. Landwirtschaft und Imkerei sieht sie nicht als Gegensätze, sondern als Partner.

Mitten in der unberührten Natur des Ötscherlandes: Heidrun Singer liebt die Arbeit mit „ihren“ Bienen, die absolute Ruhe erfordert. Schlechte Stimmung bei der Imkerin spüren die Tiere sofort und reagieren entsprechend aggressiv. FOTO: ZVG

Die Imkerei ist ein wichtiger Teil der Landwirtschaft“, ist Imkermeisterin Heidrun Singer aus Mitterbach (Mostviertel, Niederösterreich) überzeugt. Die Bestäubung der Pflanzen erfolge zu rund 80 Prozent durch die Honigbienen. Daher brauche es Verständnis füreinander und für die Arbeit des jeweils Anderen. Und auch die Gesellschaft für diese Zusammenhänge zu sensibilisieren, funktioniere nur im Miteinander, sieht Singer mehr Gemeinsames als Trennendes zwischen der Land- und Forstwirtschaft und der Imkerei.

Schon als Kind von den Bienen begeistert
Die Liebe zu den Bienen wurde Heidrun Singer sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Ihre Eltern waren im Jahr 1961 die ersten Erwerbsimker in Österreich. „Damals konnte sich kaum jemand vorstellen, dass man seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit der Imkerei verdienen kann“, erzählt Heidruns Mutter Liane. Sie selber hatte bereits die Imkerschule in Graz absolviert und erste Erfahrungen mit Bienen gesammelt, als sie „ihren Wolfgang“ – von Beruf Imkermeister – kennen und lieben lernte. Gemeinsam machte sich das junge Paar in Purgstall an der Erlauf (NÖ) als Berufsimker mit Honigproduktion und Königinnenzucht selbstständig.
Für Heidrun und ihre beiden Brüder war es immer selbstverständlich, im Famlienbetrieb mitzuarbeiten. Und doch war es Liane und Wolfgang Singer wichtig, dass ihre Kinder auch einen anderen Beruf erlernen sollten. Heidrun studierte nach der Matura Rechtswissenschaften, heiratete und gründete eine Familie, bevor sie in den elterlichen Betrieb einstieg. Eine Entscheidung, die sie mit ihrer „Liebe zum Insekt und der Faszination, die die Bienen auf mich ausüben“, begründet. Zudem schätze sie ihren Beruf, weil einfach jedes Jahr anders sei – herausfordernd und erfüllend zugleich.
Die Einstellung verdanke sie ihrem Vater, betont die Imkerin. Er war immer Querdenker, und das habe sie beeindruckt. In seinem Film „Leben und Sterben einer Bienenkönigin“ hat er weltweit erstmalig filmisch den freien Begattungsflug der Königin mit natürlicher Kopulation von Königin und Drohn dokumentiert. Er war es auch, der in seiner Zucht- und Lehrstation Ötscherland die Zucht der Carnica-Biene – die als besonders sanft, fleißig und widerstandsfähig zugleich gilt – professionalisierte. Dafür wurde er auch mit dem Berufstitel Ökonomierat ausgezeichnet. Dieses Wissen gab er nicht nur seiner Tochter, sondern als Wanderimker in zahlreichen Vorträgen – weit über Österreich hinaus – weiter.

Liane und ÖkR Wolfgang Singer haben sich im Jahr 1961 als erste Erwerbsimker Österreichs selbstständig gemacht. Mit ihrer Zucht-
und Lehrstation haben sie maßgeblich zur Entwicklung und Verbreitung der Carnica-Biene in Österreich und weltweit beigetragen.
FOTO: ZVG

Von März bis November: Täglich zum Bienenstand
Das „Bienenjahr“ beginnt – je nach Witterung – im März und dauert bis November. In dieser Zeit ist die Imkerin, soweit es das Wetter zulässt, nahezu täglich bei den Bienenständen unterwegs. Die Bienenvölker sind vorwiegend im Mariazellerland und im Ötschergebiet in unbelasteter Natur aufgestellt. Entgegen dem Trend, Honig reinsortig in unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen zu erzeugen, wird der seit 1992 als Marke registrierte „Ötscherhonig“ erst zum Saisonende im August geschleudert. So enthält das Naturprodukt vom Blütenhonig über Waldhonig das gesamte Jahrestrachtangebot.
„Naturbelassener, nicht überhitzter Honig wird mit der Zeit fest, er kandiert“, erklärt Heidrun Singer, dass dies kein Zeichen von Zuckerzusatz ist. Zum Verflüssigen sollte der Honig, um alle wertvollen Inhaltsstoffe zu erhalten, nur bis 45 Grad Celsius erwärmt werden. Frost schadet der Qualität des Naturprodukts nicht – tiefgefrorener Honig bleibt flüssig.
Seit mittlerweile 30 Jahren liegt der betriebliche Schwerpunkt allerdings auf der Königinnenzucht. In 58 Länder weltweit werden diese exportiert. Die Zuchstation wurde am Fuße des Ötschers in unbelasteter Natur eingerichtet und im Umkreis von sieben Kilometern staatlich geschützt. Das bedeutet, in diesem Umkreis dürfen keine anderen Bienen aufgestellt werden, um sicherzustellen, dass es zu keinen unerwünschten Einkreuzungen kommt.

Selbstwertgefühl der ­Imkerinnen steigern
Neben der vielen Arbeit mit den Bienen ist Heidrun Singer die Öffentlichkeitsarbeit für ihre Imkerei ein großes Anliegen. So wurden beispielsweise Bienen am Dach der Staatsoper in Wien aufgestellt und der Honig medienwirksam geerntet, um auch den Menschen in der Stadt die Bedeutung der kleinen Tiere näher zu bringen. Das Ende des Bienenjahres wird vom örtlichen Imkerverein in Mitterbach mit einem großen Fest, dem „Bienensilvester“, gefeiert, in dessen Rahmen die Gäste viel Wissenswertes zur Imkerei erfahren. Besonders wichtig ist der Imkermeisterin auch, Frauen für die Imkerei zu gewinnen: „Mit der Plattform ,Imkerinnen Österreich‘ wollte ich ganz einfach das Selbstwertgefühl der Imkerinnen stärken.“ Dass dies durchaus gelungen ist, zeigt die Tatsache, dass mittlerweile rund die Hälfte aller Bienenzüchter weiblich ist.
Derzeit ist Heidrun Singer dabei, den Betrieb umzustrukturieren. Die „Zentrale“ wird von ihrem Elernhaus in Purgstall nach Mitterbach (ihr Wohnort) verlegt. „Ich musste auch lernen, ,nein‘ zu sagen“, erzählt Heidrun Singer, dass es für die begehrten Königinnen bereits Wartelisten bis ins übernächste Jahr gibt. „Weil wir alle zusammen keine Maschinen sind, sondern nur nach unseren Möglichkeiten arbeiten können.“
So wie sie ihren Weg gefunden hat, stellt Heidrun Singer auch ihrer Tochter Tanja den Einstieg in den Familienbetrieb frei, denn: „Erfolgreich ist man nur, wenn man seine Arbeit gerne und aus Überzeugung macht.“

Eva Riegler

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