Je mehr jemand besitzt, umso weniger muss er meistens arbeiten. Für die Alm gilt das nicht. Je mehr „Gräser“ bzw. „Grasrechte“ einer besitzt, umso mehr muss er arbeiten. In der „Servitutsgemeinschaft Hochalm-Angeralm“ sind es 13 „Rechtler“ – Bauern aus Oberpettnau im Bezirk Innsbruck-Land –, die sich Rechte und Pflichten anteilsmäßig aufteilen.

Zuntern-Schneiden und Schwenden: Anstrengend, aber wenn alle mitmachen, tut man es schon fast richtig gern.

Die schmucke Alm erstreckt sich zwischen Karwendelhaus und dem Kleinen Ahornboden und umfasst Angeralm und Hochalm, die auf dem Gemeindegebiet von Scharnitz und zum Teil auch Vomp liegen und sich im Eigentum der Familie Sachsen-Coburg befinden. Erreichbar ist die Alm über die Wegzufahrt von Scharnitz aus, die weitläufigen Weiden sind saftig und relativ ungefährlich für das Vieh (zu den Abgründen übers Joch in Richtung Hinterriß wird gut abgezäunt), weshalb die Almgemeinschaft keine Probleme hat, die Alm mit Lehnvieh zu bestoßen. In den letzten Jahren gab es sogar vermehrt Anfragen, die abschlägig beantwortet werden mussten. In diesem Sommer weiden fast 300 Stück Jung- und Galtvieh auf der Alm, davon gehören 50 Stück den „Rechtlern“. Die ersten 14 Tage des Almsommers wird das Gebiet Larchet-alm/Angeralm bestoßen, danach wird das Vieh auf die Hochalm getrieben und in den letzten 14 Tagen vor Almabtrieb kommt es wieder auf die Angeralm.

Einige bekamen
die Sinnkrise

Obwohl alles gut läuft, erfasste einige Bauern vor ein paar Jahren die Sinnkrise. Als absehbar war, dass der langgediente Hirte nicht mehr verfügbar sein würde, waren sie nicht mehr so richtig motiviert, die Alm weiterzuführen. Jetzt wieder einen neuen verlässlichen Hirten suchen und sich jeden Frühsommer die ganze Arbeit mit Schwenden, Weideputzen und Zäune-Errichten antun, noch dazu, da einige der „Rechtler“ selbst kein Vieh mehr besitzen und deshalb von ihrem Recht, das über den Winter auf den Höfen durchgefütterte Vieh aufzutreiben, gar nicht Gebrauch machen können?

Beim „Woaderaumen“ helfen jetzt viele zusammen.

Almmeister und Obmann Andreas Scheiring wollte aber keinesfalls das Handtuch werfen. Er trommelte Jungbauern und Vereinsmitglieder aus seiner Gemeinde zusammen, die einen Tag lang gemeinsame Almarbeit beim „Woaderaumen“ leisteten, am Abend wurde dann gegrillt. Das kam sehr gut an und wird nun immer so gemacht. Jetzt ist der Almeinsatz schon fast eine Art „gesellschaftliches Event“. Einer der Almbauern fasst es so zusammen: „Früher war das Schwenden und Zuntern-Schneiden immer eine Qual, aber jetzt, da viele zusammenhelfen, gibt’s immer etwas zum Lachen und man tut es schon fast richtig gern.“ 

Schäden schädigen auch
die Almkassa

Almobmann Andreas Scheiring

Die meiste Arbeit bleibt trotzdem bei den „Rechtlern“ hängen. Allein das Aufstellen und Reparieren der Zäune nach einem langen Winter ist eine Herausforderung. „Wir haben grob geschätzt mindestens 3.500 Holzstecken in unseren Zäunen“, sagt Andreas Scheiring, „wenn die Lawinen nach einem langen Winter viel zerstört haben, ist das schon eine große Herausforderung, sie alle zu kontrollieren und wieder aufzustellen.“

Auch finanziell ist es immer eine knappe Sache, weil man ja nur das „Grasgeld“ und die EU-Förderung bekommt. Ausschank gibt es keine, die weitere Einnahmen bescheren könnte, wie es zum Beispiel die Unterpettnauer mit ihrer Oberbrunnalm haben, die ebenfalls im Karwendelgebirge liegt. Und wenn dann auch noch – wie es heuer war – starke Regenfälle Teile des Weges beschädigen, der dann wieder anteilsmäßig gerichtet werden muss, ist ziemlich schnell Ebbe in der Almkassa. 

Gute Hirten gefunden

Idealismus sei aber ohnedies nicht mit Geld aufzuwiegen, meint Obmann Andreas Scheiring, der sein Engagement für die Alm auch als Dienstleistung an der Allgemeinheit sieht, was die Allgemeinheit aber leider nicht immer so wahrnimmt. Scheiring: „Wenn wir mit den Autos die Straße zur Alm hineinfahren, um dort unsere Arbeiten zu verrichten, werden wir oft ganz finster von den Radfahrern angeschaut, aber sie wissen nicht, dass es diesen Weg, den sie benützen, vermutlich ohne Almen gar nicht gäbe, und dass auch die Kulturlandschaft mit den Almböden, die Gästen und Einheimischen so gut gefällt, ohne unsere Arbeit nicht mehr erhalten werden könnte.“

Und so machen die Oberpettnauer trotz mancher Sinnkrise weiter, genauso wie die Unterpettnauer und viele andere Tiroler Almbauern und Hirten. Apropos Hirten: Das Hirten-Problem haben die Oberpettnauer einstweilen gelöst, in Stephan und Fabian haben sie zwei verlässliche Arbeitskräfte gefunden, die sehr gut mit den Tieren umgehen können.

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AUTORIrene Prugger
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