Der Milchbauer in der Hofburg

Vor genau 100 Jahren war in Österreich mit Michael Hainisch ein Bundespräsident im Amt, der mit Rekordmilchleistungen auf seinem Mustergut am Semmering für Schlagzeilen sorgte. Seine Nachfolger hatten mit den Bauern weit weniger am Hut.

Michael Hainisch, Österreichs erster Bundespräsident (1920-1929), war Jurist, aber auch ein ausgewiesener Agrarexperte. FOTO: Präsidentschaftskanzlei

Hainisch war am 9. Dezember 1920 auf Vorschlag der Christlichsozialen Partei, Vorläufer der heutigen ÖVP, zum ersten offiziellen, wiewohl unabhängigen, Bundespräsidenten der Republik Österreich gewählt worden. Sein Vorgänger als erstes Staatsoberhaupt nach dem Ende der Monarchie, Karl Seitz, war nur Präsident der Nationalversammlung, also von Nationalrat und Bundesrat.
Der Fabrikantensohn stammte aus Schottwien im südlichen Niederösterreich. Sein Vater besaß eine Baumwollspinnerei, seine Mutter Marianne war als eine der ersten Frauenrechtlerinnen Begründerin der Frauenbewegung und die Initiatorin des Muttertags in Österreich, der hierzulande seit 1924 gefeiert wird. Ihr Sohn studierte in Leipzig und Wien Rechtswissenschaften, später zudem Nationalökonomie in Berlin und war k.u.k. Staatsbeamter, als er von seiner Frau Emilie einen Gutsbetrieb in Jauern bei Spital am Semmering geschenkt bekam. Trotz liberaler Weltanschauung war Hainisch großdeutsch gesinnt, er blieb aber stets parteilos.

Anerkannt für seine korrekte Staatsführung
Als Staatsoberhaupt war er aufgrund seiner korrekten Amtsführung bei allen politischen Lagern anerkannt. Er galt besonders als Förderer der Landwirtschaft, des Fremdenverkehrs oder des ländlichen Brauchtums. Nach seiner Wiederwahl 1924 blieb Hainisch bis Dezember 1928 im Amt. Wenige Wochen vor dem Ende seiner achtjährigen Amtszeit stand in einer Wiener Wochenzeitung über ihn zu lesen: „Die österreichischen Landwirte sehen mit besonderer Verehrung zu dem Staats-
oberhaupte hin, der für alle ein Muster an trefflicher Führung seines landwirtschaftlichen Betriebes ist.“

Fachbuchautor mit gelebter Praxis am eigenen Hof
Schon früh beschäftigte er sich mit den agrar- und sozialpolitischen Problemen. Das erwähnte Gut, bestehend aus fünf Höfen, baute er ab 1893 zu einem Herzeigebetrieb aus. In dieser Zeit verfasste Hainisch zudem auch Bücher über den Kapitalzins, das Getreidemonopol und später – bereits als Bundespräsident – über „Die Landflucht, ihr Wesen und ihre Bekämpfung im Rahmen einer Agrarreform“. Auch „Die Viehzuchtwirtschaft mit Weide- und Güllebetrieb“ beschäftigte ihn sehr. Seine Abhandlung darüber erschien im Grazer Stocker-Verlag, „Aus der gelebten Praxis“ vom eigenen Hof, „für das bäuerliche Alpenland“.

Montafoner Milchkuh mit 11.080 l Leistung
Das Mustergut Jauern mit 650 Hektar Grünland und Wald und Grünland auf 800 bis 1.200 Metern Seehöhe lang auf der steirischen Seite des Semmerings: „Es wurde von Doktor Hainisch mit viel Mühe und Aufwand verbessert und seiner entsprechend ganz auf Milchwirtschaft und Milchviehaufzucht eingestellt.“ Knapp 150 Rinder standen in den drei Ställen. Mit der damals elfjährigen Kuh „Bella“ sorgte Bundespräsident Hainisch im Jahr 1927 auch international für Aufsehen. Auch das „Time Magazin“ in England berichtete damals über Bellas fulminant hohe Leistung von 11.080 Kilogramm Milch mit 3,9 Prozent Butterfett. Weil der Präsident gerne mit der Montafoner Braunviehkuh prahlte, brachte ihm das einige Karikaturen mit spitzer Feder sowie einen bissigen Kommentar des wortgewaltigen Publizisten Karl Kraus („Hainisch und Bella“) ein. Der erste und bislang einzige Milchbauer an der Spitze der Republik starb am 26. Februar 1940 in Wien.

Nachfolger aus anderem Holz geschnitzt
Seine Nachfolger, speziell in der Zweiten Republik, hatten mit Landwirtschaft weniger bis nichts am Hut. Wenn überhaupt, eröffneten sie einmal jährlich die Landwirtschaftsmessen in Wels oder Ried, empfingen gütig in den Prunkräumen der Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg Apfelköniginnen, Blumengärtner und Gemüsebauern samt Geschenkkörben oder veröffentlichten über ihre Pressestellen Fotos von sommerlichen Wanderungen, bei denen dann und wann auch ein Bauernhof passiert oder auf einer Almhütte eingekehrt wurde.
Der amtierende Bundespräsident Alexander van der Bellen nutzte 2016 das Wiener Erntedankfest des Bauernbundes, um dort im Vorfeld seiner Wahl auf Stimmenfang zu gehen. Um große Agrarmessen hat der frühere Grünen-Chef später stets einen großen Bogen gemacht. Sein Vorgänger Heinz Fischer (2004-2016) erinnerte gerne an seine Kindheit am Bauernhof von „Tante Sali“ im Seewinkel und besuchte immerhin Biobauern und Urlauberhöfe in Osttirol. Auch Thomas Klestil (1992–2004) ließ – wenn Landluft schnuppernd zwischen Traktoren, Tierschauen und Bierzelt – mit seiner Mimik nie einen Zweifel daran: die Agrarwelt war nicht sein Metier. Kurt Waldheim (1986–1992) dagegen nahm auch solche Messetermine gerne in Kauf. Viel Abwechslung bot ihm seine überwiegend isolierte Amtszeit ja nicht. Und Rudolf Kirchschlägers (1974–1986) einst bei einer Welser Messe geäußerter Ausspruch vom „Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen“ ist zwar bis heute vielen legendär, allerdings ging es ihm dabei nicht um Maßnahmen der Melioration zur Bodenverbesserung und Ertragssteigerung in der Landwirtschaft.
Tiefgehende Aussagen zu wirklichen Bauernsorgen kamen den Staatsoberhäuptern der vergangenen 50 Jahre bis heute also kaum mehr über die Lippen. Da war Michael Hainisch noch aus einem ganz anderen Holz geschnitzt.

www.bundespraesident.at/praesidentschaftskanzlei

Bernhard Weber

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