Das Covid19-Virus hat die Welt weiterhin in der Hand. Wie wirkt sich die Corona-Krise in anderen Ländern auf die Landwirtschaft aus? Die BauernZeitung hat bei Kollegen aus Europa, den USA, Südafrika und Australien nachgefragt.

Jaqueline Wijbenga – Niederlande

Das Toilettenpapier reiche jedenfalls für die nächsten zehn Jahre und es bestünde auch bei Lebensmitteln kein Grund für Hamsterkäufe, betonten offizielle Seiten in den Niederlanden. Auch die landwirtschaftlichen Betriebe sind zuversichtlich, alles liefern zu können, für Mensch und Tier. Denn die intensive Tierhaltung in den Niederlanden will auch bedient sein. Allerdings sind die Preise sehr volatil auf den Agrarmärkten. Bedenken gibt es vor allem in den Sektoren: Milch, Kartoffel sowie Schweine- und Geflügelfleisch.

Besonders hart trifft die Corona-Krise die Zierpflanzenwirtschaft. Gerade jetzt wäre Hochsaison auf den Tulpenfeldern. Die Tulpenzüchter sahen sich wegen der gesunkenen Nachfrage dazu gezwungen, ihre Blumen zu zerstören oder zu verschenken. Auch die Tulpen-Exporte fielen aus, da es schlicht keine Abnehmer und auch keine Möglichkeiten zum Verschiffen der Pflanzen gab.

Wegen der ausbleibenden Touristen und geschlossenen Lokale sieht sich auch die Kartoffelbranche unter Druck, schließlich gibt es aktuell fast keine Abnehmer für die beliebten niederländischen Pommes Frittes. Die Bauern haben immer noch eine Million Tonnen Erdäpfel auf Lager. Nun wird weiterproduziert, ohne dass sie ihre Knollen verkaufen können.

Auch der Gemüsesektor stöhnt unter den fehlenden osteuropäischen Arbeitskräften. Zwar sind viele Beschäftigte aus der Gastronomie und Hotellerie nun arbeitslos, doch nur wenige dieser Arbeitskräfte sind dazu bereit, sich auf den Feldern die Hände schmutzig zu machen. Was weiterhin funktioniert, ist der Export von Fleisch beispielsweise nach Frankreich. Auch die Lieferkette der Molkereien funktioniert weiterhin.

Jesus Lopez Colmenarejo – Spanien

In Spanien dreht sich aktuell alles um die immense Zahl an Toten durch den Corona-Virus. Toilettenpapierkäufe sind nebensächlich, auch der agrarische Sektor ist nur nebenbei Thema im öffentlichen Leben, auch wenn es hier durch die geschlossene Gastronomie ebenso zu Problemen kommt. So fehlen auch hier die Erntehelfer. In Andalusien etwa müssten nun Erdbeeren geerntet werden. Die marokkanischen Arbeitskräfte dafür bleiben aber aus.

Ein weiteres Problem zeichnet sich für die Schafbauern ab. Lammfleisch ist beliebt in Spanien. Die Delikatesse, geröstetes Lammfleisch, wird aber hauptsächlich über die Gastronomie und in Hotels abgesetzt. Da es nun nicht mehr genügend Absatzwege gibt, nehmen die Schlachthäuser die Lämmer nicht mehr ab. Sobald sie älter werden, können sie gar nicht mehr vermarktet werden. Die Brennereien und Kellereien haben gleich zu Beginn der Krise ihre Produktion auf medizinischen Alkohol umgestellt.

Was sich seit der Krise jedenfalls geändert hat, ist das Image der Bauern. Kurz bevor der Virus ausbrach, waren Landwirte im ganzen Land mit ihren Traktoren auf den Straßen und demonstrierten für mehr Wertschätzung ihrer Arbeit und höhere Erzeugerpreise. Jetzt, nur wenige Wochen später, werden die Bauern als lokale Helden gefeiert. Das Image des Agrarsektors hat sich durch die Corona-Krise schlagartig verbessert. Die Menschen denken daran, dass die Landwirte sie täglich mit Lebensmitteln versorgen. Diese Situation sollte die EU nutzen, um die GAP zu überdenken.

Ermanno Comegna – Italien

Zu kuriosen Entwicklungen kam es auch im schwer betroffenen Italien. Zwar konnten die Landwirte über die gesamte Corona-Krise hinweg bis jetzt ihre Produktionstätigkeit aufrechterhalten, doch auch hier spürt man den Arbeitskräftemangel. Dieser führte soweit, dass in den Regionen Lombardei, Venetien und Piemont eine Molke-Verarbeitungsanlage zusperren musste. Infolgedessen fanden viele Molkereien keine Abnehmer für das Nebenprodukt. Die Molke wurde einige Tage lang gelagert, bis es schließlich eine Aufweichung der Umweltvorschriften gab, die es erlaubte, die flüssige Molke in Biogasanlagen zu verwerten.

Chris Mccullough, Melanie Jenkins, Andrew Meredith – Großbritannien

Die Landwirte in Nordirland spüren keine großen Unterschiede in ihrer täglichen Arbeit. Sie sind es schließlich gewohnt, alleine auf ihren Feldern und in ihren Ställen zu arbeiten. Der einzige deutliche Unterschied: Landwirte werden weder von Touristen, noch von Verkäufern oder Kontrolloren auf ihren Betrieben besucht. Grundnahrungsmittel wie Milch, Eier, Brot und Fleisch, insbesondere Rindsfaschiertes wurden vorübergehend stärker nachgefragt, allerdings sind die Lieferketten stark und werden halten. Bislang blieben auch die Preise stabil. Die Importabhängigkeit wird nach der Krise allerdings mehr hinterfragt werden als zuvor.

Auch im Süden Englands hält sich Bauerngemeinschaft gut. Probleme gab es bislang nur bei der Lieferung von Maschinenteilen. Ansonsten sind die Landwirte derzeit zu beschäftigt, um sich überhaupt zu beschweren. Eine deutliche Auswirkung hatten jedoch die Panik-Käufe in den Supermärkten. Nach dem die ersten Hamsterkäufe wieder nachließen, war ein 30-prozentiger Anstieg an Lebensmittelabfällen zu verzeichnen.

Ähnlich wie in Spanien schickte die Corona-Krise auch in Großbritannien Schockwellen durch den Lammfleischmarkt. Lammfleisch ist in Großbritannien für den Konsumenten sehr teuer und wird hauptsächlich als Delikatesse in den Restaurants abgesetzt. Die Schließung der Gastronomie ließ die Fleischpreise dann sofort in den Keller stürzen.

Außerdem schwer betroffen sind all jene diversifizierten Betriebe, die Bed and Breakfast oder Farm-Führungen anbieten. Zudem fehlen 80.000 Arbeiter aus süd- und osteuropäischen Ländern.

Goran Beinrauch – Kroatien

Die kroatische Regierung hat bisher Maßnahmen eingeführt, um die Frist für Steuerzahlungen und Pachtzahlungen für staatseigene landwirtschaftliche Flächen (um fast 3 Monate) zu verschieben. Fast 70 % aller Ackerflächen befinden sich in Kroatien in staatlichem Besitz. Holzindustrie und Fischerei haben ähnliche Maßnahmen, auch für die Pflanzen- und Tierproduktion legte das Landwirtschaftsministerium einen Plan zur direkten Unterstützung in Höhe von sieben Mio. Euro vor. Die Ausfuhr von Fisch, Rindfleisch und Zucker nahm durch die Corona-Krise spürbar ab, ansonsten ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln immer noch aufrecht. Auch in Kroatien ist spürbar, dass diese Krise den negativen Trend in der Landwirtschaft umkehren könnte, hin zu mehr Bewusstsein für regionale Lebensmittel.

Jessie Scott, Natalina Sents – USA

Der US-Kongress stellte 23,5 Mrd. US-Dollar für die Landwirtschaft im Rahmen des Coronavirus-Hilfspakets bereit. Laut der US-Farmerorganisation wird das zu wenig sein. Zwar kündigten die Landwirte bereits Rekordmengen für die Maisernte an. Die Krise kostet den Bauern dennoch geschätzt 50-90 US-Dollar pro Acre (= 40 Ar) durch verlorene Einnahmen aus der Mais- und Sojaproduktion. Im Jahr 2019 arbeiteten rund zudem 180.000 Landarbeiter aus anderen Ländern in den USA auf Obst- und Gemüsefarmen, die jetzt großteils fehlen. Und nun droht auch noch der Fleischmarkt zusammenzubrechen. Aufgrund einer Covid-19-Pandemie unter dem Schlachthofpersonal mussten große Schlachthöfe geschlossen werden. Der Rückstau an Schweinen, Rindern und Geflügel in den Ställen ist enorm, die Erzeugerpreise verfallen, Keulungen drohen. Erste Schweine wurden aus Tierschutzgründen bereits eingeschläfert.

Chris Burgess, Marieke Snyman – Südafrika

Etwas anders sieht es in der südlichen Hemisphäre aus. Südafrika etwa befindet sich gerade in der Obst- und Weinernte, die größtenteils exportiert wird und dem Land essenzielles Einkommen bringt. Südafrika hat als eines der wenigen afrikanischen Ländern einen hohen Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln. Auch der Mais, hier ein Grundnahrungsmittel, konnte planmäßig geerntet werden. Land und Landwirtschaft sind in Südafrika allerdings seit Langem ein politisch umstrittenes Thema. Es bedurfte einer großen Krise wie Covid-19, um allen klar zu machen, wie wichtig Landwirte im eigenen Land sind. Zusammen mit den Gesundheitsberufen und den Sicherheitsdiensten werden die Landwirte aus dieser Krise als wahre Helden des Landes hervorgehen, und die Art und Weise, wie sie wahrgenommen werden, wird sich für immer ändern.  

Pete Lewis – Australien

In Australien beginnt gerade der Herbst, das heißt: Es ist Erntesaison. Auch hier ist man von ausländischen Arbeitskräften abhängig, gerade in der Landwirtschaft, wenn die Ernten starten. Hier sind es vor allem die Rucksacktouristen, die „Backpacker“ aus Europa und den USA, die einen Großteil dieser Arbeiten übernommen haben und die nun alle ausbleiben.

Auch der Ansturm auf die Lebensmitteleinzelhändler war enorm, neben Toilettenpapier waren es hier vor allem die Fleischverarbeiter, die gefordert waren, da ein regelrechter Ansturm auf beispielsweise Faschiertes stattfand.

In Australien sind Probleme in der Lebensmittelversorgung aber anders gelagert als etwa in europäischen Ländern und zwar wegen der enormen Größe des Landes. Die Distanz von Perth an der Westküste bis Brisbane an der Ostküste beträgt 4.500 km. Die 25 Mio. Einwohner können ohne Weiteres von den heimischen Landwirten versorgt werden, Probleme machen die weiten Distanzen in der Transportlogistik. Ein Großteil der agrarischen Produktion muss über sehr weite Strecken mit LKWs transportiert werden.

Auch um ihr seelisches Wohl machen sich die Australier bereits Gedanken, da der typische Einheimische besonders freiheitsliebend ist und viel Zeit am Strand und im Freien verbringt. Um die Virusausbreitung einzudämmen, gilt aber auch Down Under: Bleib daheim!

Eva Zitz

- Werbung -
Vorheriger ArtikelRöter als das Rote Kreuz
Nächster ArtikelSicherheit gibt es nicht zum Nulltarif