Bringt die Frühsommertrockenheit endlich eine Preiswende bei Getreide?

In seinem letzten Bericht im Mai deutete Marktanalyst Bernhard Kaiblinger, dass heuer die Getreidemärkte besonders anfällig für Wetterextreme seien. Damals waren noch die Spätfröste und der kalte Winter in Erinnerung. Mittlerweile ist die Hitzewelle in Mitteleuropa zum Thema Nummer Eins geworden.

Vor allem beim Winterweizen ist mit enormen Ertragseinbußen zu rechnen. Die Weizen-Terminmarktnotierungen haben infolge der Trockenheit der letzten Wochen bisher aber nur moderat zugelegt. Copyright: agrarfoto.com

Die heurige europäische Anbausaison scheint von einem Wetterextrem ins nächste überzugehen: nasse Herbstwitterung, ein bald einsetzender, kalter Winter teils ohne Schneeauflage und Spätfröste im April. Keine dieser Wetterlagen konnte die Getreidepreise bisher nachhaltig ankurbeln – die Weizenversorgung scheint zu entspannt zu sein.
Seit Mai, vielerorts aber schon seit dem Jahresanfang, sammelten sich Niederschlagsdefizite an. Mitte Juni gipfelten sie jetzt in einer Hitzewelle. Neben Österreich sind auch die Umländer betroffen.

Trockenheit kritisch für Weizen und Herbstkulturen

Bis Anfang Juni wurde der Niederschlagsmangel noch recht entspannt gesehen. Seither hat sich der Mangel auf eine gebietsweise Dürre zugespitzt – die Bestände leiden. Gerste als früh abreifende Kultur wird wohl die geringsten Schäden davontragen. Weizen trifft die Hitze aber genau während der Einkörnungsphase. Auf leichten Standorten beginnen Bestände schon jetzt, in die Notreife überzugehen.
Neben den Winterkulturen leiden besonders die Sommerungen. Mais und Soja werden schon vor Blühbeginn stark gestresst. Auf schottrigen und sandigen Standorten deuten sich ohne baldigen Regen irreparable Schäden an.

EU-Maisbilanz 2017/18 steht sehr früh in Frage

Bislang waren die Prognosen zur EU-Maisernte 2017 auf leichte Erholung zu den schwachen Produktionsjahren 2015 und 2016 mit je knapp 60 Millionen Tonnen eingestellt. Zwar gab es auch 2017 keine Flächenausweitungen, dafür wurden wieder höhere Hektarerträge erwartet. Unstete, teils trockene Witterung im Mai hat einige Marktbeobachter ihre Prognosen bereits zurückrevidieren lassen. Bleibt der Regen weiter aus, könnten sich schon vor Blühbeginn ernsthafte Ertragseinbußen und Ausfälle in den Haupt-Maisanbaugebieten manifestieren. Die bisher veranschlagte EU-Maisernte würde so in weite Ferne rücken. Mit den geringen EU-Überlagern und schwachen Ernteaussichten würde sich etwas Luft nach oben für unser Preisgefüge zeigen. Mais dürfte aber trotzdem nicht knapp werden. In den traditionellen Exportdestinationen bunkern Mais-Überlager in Rekordausmaß – es braucht jedoch logistische Anstrengungen.

Wetterrallye an den Warenterminbörsen

An den Warenterminbörsen gab es Mitte Juni einen starken Kursschub nach oben. Auslöser war hier weniger die europäische Situation, sondern besonders Trockenheit in den US-Sommerweizen-Anbaugebieten. Auf gute Versorgung eingestellte Investoren hatten große Weizenmengen an der Börse vorverkauft und lösten viele Positionen Mitte Juni durch Rückkäufe blitzartig auf. Das beflügelte neben den berechtigten Wettersorgen die Weizenkurse zu einer Rallye. Sie schaukelten sich kurzfristig rapid auf, verloren aber schnell wieder an Kraft.
Die lokalen Märkte blieben bis auf leicht angepasste Angebote bisher aber sehr verhalten in ihren Entwicklungen. Sowohl Händler als auch Produzenten scheinen eher Erträge und Qualitäten der neuen Ernte abwarten zu wollen, als noch kurz davor Lieferverträge einzugehen.

Schwarzmeerernte und Überlager entscheidend

Bei allen berechtigten Sorgen um Folgen der regionalen Hot Spots blickt man auch auf die hohe globale Überlagersituation. Mit über 34 Prozent des Welt-Jahresbedarfs in den Lagern ist man sehr komfortabel versorgt. Der Blick ins Detail lohnt, denn in Europa selbst sind nur knapp neun Prozent des Jahresverbrauchs auf Reserve. Die heurigen Ernteprognosen für die westeuropäischen Haupt-
exporteure Frankreich und Deutschland sind zwar bislang recht gut, regionale Trockenheiten wurden jedoch ebenfalls gemeldet.
Im Schwarzmeerraum wird nach der Rekord-Weizenernte 2016 mit
72 Millionen Tonnen auch 2017 eine ähnlich solide Ernte prognostiziert. Starke Exportkonkurrenz wäre also auch im neuen Wirtschaftsjahr zu erwarten.
Für den österreichischen Getrei-demarkt könnte heuer jedoch der
bekannte Lieferdruck aus den östlichen Nachbarländern etwas abflau-
en. Dort fehlen seit dem Frühjahr ebenfalls die Niederschläge. Aus der gu-
ten Ernte 2016 sind viele Läger aber noch passabel gefüllt und können Mindererträge zum Teil abfedern. Bei den hohen Qualitätsfraktionen sind die Reserven aber weitgehend geräumt.

Leicht positiver Preisausblick

Für die Tendenz auf den Getreidemärkten wird die Niederschlagsversor­gung der nächsten Wochen entscheiden­de Impulse liefern. Um die Haupt­ernte he­rum sind die Terminmärkte besonders sensibel auf Wettermeldungen. Kurz­fristige Rücksetzer nach un­ten oder impulsive Ausreißer nach oben werden stark von Ernteberichten, Ex­perten-Ein­schätzungen und deren zeit­lichem Zu­sammentreffen abhängen. Sol­che Pha­sen festerer Preise könnten während der Ernte – wenn die eigenen Erträge schon besser abschätzbar sind – für Preisfixie­rungen, börsenabgeleite­te Lieferverträge oder reine Preisabsiche­rungen genutzt werden. Vielleicht bringt aber eine enge EU-Maisbilanz dem Weizenmarkt positive Impulse. Der Preisausblick ist derzeit trotz Trockenheit und Hitze nur vorsichtig optimistisch.

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