Die Jagdhausalpe: Die fast 1.000 Jahre alte Alm

Die Jagdhausalm in Defereggental in Osttirol ist hierzulande wohl die älteste Alpe. Doch nicht nur ihr Alter ist besonders, sondern auch ihre Besitzer. Seit Jahrhunderten gehört die Alm Südtiroler Bauern. Ein Besuch vor Ort zeigt, wie diese grenzüberschreitende Arbeit funktioniert.

Jagdhausalm

Copyright © Katharina Berger

Tief verborgen am Ende eines langen Tales, umrahmt von saftig grünen Steilhängen, den Klängen von Kuhglocken taucht plötzlich ein unscheinbares Steindorf auf. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt reges Treiben. Die Jagdhausalm auf 2.009 Metern Seehöhe im Osttiroler Defereggen zählt zu den ältesten Almen Österreichs. Die 16 Häuser, die hier stehen, reichen mit ihrem Ursprung vermutlich mehr als 800 Jahre zurück. Rund herum befindet sich eine 1.750 Hektar große Weidefläche, auf dem jährlich ungefähr 350 Rinder und etwa 250 Ziegen oder Schafe die Sommermonate verbringen.

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Lange Geschichte

So verwurzelt wie die Alm selbst, so tiefgründig ist auch ihre Geschichte. Erstmals erwähnt wurde die Jagdhausalm im Jahre 1212. In einer Urkunde aus dieser Zeit ist erstmals von „sechs Höfen“ die Rede - im Volksmund Schwaighöfe genannt, die gemeinsam am Ort Jagehusen im Gebiet Schwarzach lagen. Damals handelte es sich noch um eine dauerhaft bewohnte Siedlung, die ganzjährig bewirtschaftet wurde. Die extreme Höhenlage und die Kleine Eiszeit machte dieser Nutzungsform jedoch bald einen Strich durch die Rechnung. Schon 1406 ist in den Aufzeichnungen nicht mehr von Höfen, sondern nur noch von „Alben“ die Rede. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Alm fortan ausschließlich als Sommerweide diente, wie es bis heute der Fall ist. Die frühen Bewohner der Alm stellten für die Herren von Burg Taufers im Südtiroler Ahrntal Butter und andere Grundnahrungsmittel her. Im Gegenzug versorgten die Tauferer die Almbewohner mit Getreide und weiteren Lebensmitteln.

Insgesamt gibt es auf der Alm 16 Steinhäuser.

Steinhäuser Jagdhausalm

Das Almgebiet der Alm ist mehr als 1.750 Hektar groß.

Jagdhausalm Almgebiet

Etwa 350 Rinder und 250 Schafe und Ziegen verbringen den Sommer im Almgebiet.

Vieh Jagdhausalm

Diese Ansichtskarte zeigt die Jagdhausalm um 1950.

Jagdhausalm Ansicht 1950

Almwirtschaft über Landesgrenzen

Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts machten dieser Tradition einen Strich durch die Rechnung. Als Südtirol am Ende des Ersten Weltkrieges italienisches Staatsgebiet wurde, blieb die Jagdhausalm in Österreich. Ihre Besitzer, die aus dem nebenanliegenden Ahrntal stammen, waren nun aber italienische Staatsbürger. Heute, mehr als 100 Jahre später, wird die Jagdhausalpe nach wie vor grenzüberschreitend geführt. Für den Obmann der Agrargemeinschaft Jagdhausalm, bei der 15 Bauern Mitglied sind, Andreas Eppacher, ist der Grenzübertritt eine Herausforderung: „Wir müssen unser Vieh für die Alpung doppelt ins Almregister melden, das heißt einmal in Italien und einmal in Österreich - und das jährlich.“ Der bürokratische Aufwand ist daher enorm, dennoch hat die Alpe bis jetzt kein Problem, genügend Tiere herzubringen. „Der Vorteil ist sicherlich, dass wir bis jetzt - und hoffentlich bleibt es so - keine Wolfrisse hatten“. Auch spreche die gesetzlich flexibler geregelte Entnahmemöglichkeit von Schad- und Risikowölfen in Osttirol für die Alpung. Auch die tierärztliche Versorgung wird aufgrund der verschiedenen Vorgaben der beiden Länder anders gehandhabt – Stichwort Blauzungenkrankheit. Weniger Bürokratie wünscht sich der Almobmann dennoch: „Heutzutage ist ohnehin schon alles digital, und die Plattformen für die Meldungen gibt es bereits. Man müsste sie nur noch miteinander verknüpfen, dann würde sich unser Aufwand halbieren.“

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Andreas Eppacher ist seit 2010 Obmann der Agrargemeinschaft Jagdhausalm.

Mehrmals pro Woche über die Grenze

Viele der Almbesitzer überqueren wöchentlich die Grenze am Klammljoch, das direkt nach Rein in Taufers (IT) führt. Heutzutage ist das aufgrund der EU kein Problem mehr, doch Eppacher erinnert sich noch gut daran, wie streng die Kontrollen in seiner Kindheit waren. Der zweite Weg führt über das Schwarzachtal hinaus bis nach St. Jakob in Defereggen. Dass Eppacher nicht den gesamten Sommer auf der Alm verbringen kann, liegt an seinen 20 Milchkühen am heimischen Betriebsstandort. Und auch wenn es heute keine Grenzkontrollen mehr gibt, wird die Alm nach wie vor mehrfach von den Behörden aufgesucht: Einmal kommt beispielsweise der Lienzer Amtstierarzt, ein andermal separat sein Südtiroler Kollege.

Wir müssen unser Vieh für die Alpung doppelt ins Almregister melden, das heißt einmal in Italien und einmal in Österreich - und das jährlich.

Andreas Eppacher

Die Steinsiedlung

Die 16 Steinhäuser und die kleine Kapelle sehen von außen auf dem ersten Blick etwas in die Jahre gekommen aus, doch blickt man genauer hin, dann sieht man den modernen Einfluss. Die traditionelle Außenarchitektur ist beibehalten, doch innen sind die Häuser der heutigen Zeit entsprechend ausgebaut. Stromanschluss, Internet und fließendes Wasser sind hier üblich. Was gleichgeblieben ist, ist der Aufbau der Häuser. Parterre befindet sich der Stall des jeweiligen Bauers, wo eventuell ein paar Tiere untergestellt werden können. Im ersten Stock ist der Wohnbereich.

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Jedes Steinhaus hat Parterre einen kleinen Stall für das eigene Vieh.

Klare Aufgabenteilung

Da die Alm- beziehungsweise Futterfläche riesig ist und sich über unterschiedliche Höhenlagen erstreckt, werden jährlich vier Hirten angestellt, die in ihrem jeweils zugeteilten Bereich die Tiere im Blick behalten. Schließlich bleibt das Vieh Tag und Nacht im Freien. Die gesamte Weidefläche ist auf die Mitglieder der Agrargemeinschaft aufgeteilt, jeder verfügt über seine eigenen Auftriebsrechte. Aufgrund der Steilheit und Größe, werden allerdings nur sieben Hektar der Gesamtfläche jährlich einmalig gemäht. Auch dort hat jeder Bauer seinen Beitrag zu leisten. Zudem ist für die Bewirtschaftung der Einkehrstation ebenso ein Landwirt zuständig, der dort aus der Milch einer eigenen Kuh Käse herstellt.

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Die Gaststätte der Alm ist ein beliebten Ort für Tages­gäste in der Region. Der Almausschank obliegt einem der 15 Mitglieder der Agrargemeinschaft.

Für Eppacher ist diese klare Regelung essenziell für eine gute Zusammenarbeit. Trotz der komplexen Gegebenheiten ist die Alm ein wahrer Naturschatz mit langer Tradition und genau diese möchte Andreas Eppacher auch in Zukunft bewahren.

Weitere Almgeschichten:Die Falzturnalm im Gemeindegebiet von Pertisau

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