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Der Almabtrieb der Gemeinde See im Paznauntal gehört zu den Highlights im Terminkalender der Region. Organisiert wird er von der Ortsgruppe der Jungbauernschaft/Landjugend, mit einem großen Fest wird das Ende des Almsommers gefeiert – bunt geschmücktes Vieh darf da nicht fehlen.
Viel ruhiger ist es für das Vieh von Hubert Zangerl. Es verbringt den Sommer auf der Hinterflath-Alm, abgeschieden und ohne Zufahrt. Genauso gemütlich geht es am Ende der Saison wieder zurück ins Tal, zum Hof nach Neder in See. Als die BauernZeitung Hubert Zangerl auf der Hinterflath-Alm besucht, sind es noch einige Tage bis zum Almabtrieb.
Es wird Herbst
Bereits Anfang September spürt man auf gut 2.000 Metern den kühler gewordenen Wind. Der Herbst hält langsam Einzug, noch aber grast das Vieh gelassen auf den 55 Hektar Weideflächen.
Eine Besonderheit des Gebiets: Die Alm liegt in Serfaus, da sich das Gemeindegebiet über den Berggrat zieht. Um von See dorthin zu gelangen, muss Hubert Zangerl erst Landecker Gemeindegebiet durchqueren, anschließend gehört ein Stück zu Fiss, bevor er in Serfaus ankommt. „In früheren Zeiten hat das oft zu Unfrieden geführt. Da mussten die Hüterbuben ihre Goaß mit fliegenden Geißeln durch das fremde Gebiet treiben, damit sie ja nicht einen Grashalm zu viel erwischen.“ Selbst die „Haler“ durften von den Hirten nur 15 Minuten am „Serfauser Brünnl“ getränkt werden, bevor es weiterging. „Haler“ heißen im Paznauner Dialekt die Ochsen. Der Name leite sich vom „Heilen“ ab, erzählt Zangerl: Die Stiere wurden im Winter kastriert und hatten anschließend den Almsommer zum Heilen.
Hubert Zangerl kennt die Hinterflath-Alm seit seiner Kindheit. Schon sein Vater hat sie vor ihm bewirtschaftet, er selbst verbrachte mit seinen Brüdern und Cousins viele Sommer beim Hüten. Nachdem es ab den 1960er-Jahren keinen ständigen Hirten der Gemeinde mehr gab und sein Vater schließlich die Bewirtschaftung übernahm, waren die Buben gefragt. Zum Teil waren sie erst zwölf Jahre alt und mussten alleine das Vieh hüten. „Wir konnten uns nichts Besseres vorstellen“, erinnert sich Zangerl an diese Sommer.
Viele Geschichten aus dieser Zeit sind geblieben. Gerne erzählt er etwa vom Gipfelkreuz am Vorderen Kreuzjoch. Als Bub durfte er Ende der 1960er-Jahre seinen Vater und Großvater begleiten. Gemeinsam mit anderen aus dem Dorf trugen sie die Einzelteile des mehr als 17 Meter hohen Gipfelkreuzes den beschwerlichen Weg aufs Joch. Hubert war mit der Jause im Gepäck dabei. Doch nicht jede Erinnerung ist so unbeschwert. Als er neun Jahre alt war, war Hubert Zangerl mit seinem Vater, seiner sechsjährigen Schwester und einem ebenso jungen Cousin unterwegs. Bei der Arbeit stürzte der Vater in den Bach und brach sich mehrere Rippen. Die Kinder mussten den langen Weg ins Tal alleine zurücklegen, um Hilfe zu holen. Der Vater wurde schließlich mit dem Hubschrauber nach Innsbruck gebracht. Im nächsten Sommer ging es trotzdem wieder auf die Hinterflath-Alm.
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Ein Blick aus der Ferne reicht nicht. Hubert Zangerl sieht sich jedes seiner Tiere genau an, um ihre Gesundheit zu bewahren.
Zum Vieh muss man hin
Heute wandert Hubert Zangerl alle zwei bis drei Tage zum Vieh – egal, wie weit entfernt von der Almhütte es gerade weidet. „Sie nur mit dem ‚Gugger‘ zu sehen, reicht nicht. Man muss schon zum Vieh hin, es sich anschauen. Ansonsten sieht man nicht, ob es sich nicht vielleicht den ‚Haxen‘ gebrochen hat.“
Diese Zeit nimmt er sich, auch wenn ihm die Arbeit nicht ausgeht. Im Tal muss er sieben Hektar steiles Grünland heuen – im klein strukturierten Bergbauerngebiet des Bezirks Landeck eine überdurchschnittlich große Fläche – und auch seine Aufgaben als Vizebürgermeister darf er nicht vernachlässigen. Seit drei Jahren ist er in Pension, zuvor war er neben der heimischen Landwirtschaft 30 Jahre lang im Sägewerk tätig.
2023 hat Hubert Zangerl mit Unterstützung der Gemeinde und des Landes Tirol eine neue Almhütte auf 2.023 Metern Seehöhe gebaut. Geschickt mit dem Werkzeug, baute er die Holzhütte gemeinsam mit Helfern zunächst im Tal. Anschließend wurde sie wieder zerlegt und in Paketen von rund 800 Kilogramm mit dem Lkw auf die Gamperthun Alpe gebracht. Von dort flog ein Hubschrauber die Einzelteile auf die Hinterflath-Alm. Etwas unterhalb der neuen Almhütte steht noch die alte, aus Stein gebaute Hütte. Mehr als 100 Jahre alt und mit wenig Komfort ausgestattet, wird sie heute vor allem als Lagerraum genutzt. Hubert Zangerl, seine Brüder und Cousins haben während ihrer Zeit als Hüterbuben immer wieder hier übernachtet. Vieles hat sich seither verändert, manches ist geblieben.
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Die etwa 100 Jahre alte Steinhütte wurde 2023 durch eine moderne Holzhütte ersetzt.
Dazu gehört für Zangerl auch eine alte Tradition: die Dankbarkeit für die Ruhe auf der Alm und die Gesundheit von Mensch und Tier. „Darum bete ich jedes Mal, nachdem ich beim Vieh war, ein Vaterunser. Das gebe ich auch meinen Kindern und Enkeln mit.“
Gemütlich wieder heim
Dass das Vieh die Ruhe auf der wie von der Außenwelt abgeschnittenen Alm genießt, zeigt sich auch bei Hubert Zangerls Rundgang. Zutraulich kommen ihm die Tiere entgegen. Noch sind es einige Tage bis zum Almabtrieb, doch Zangerl ist überzeugt: „Wenn es dem Ende zugeht, merkt das Vieh das. Wenn wir sie lostreiben, gehen sie von selbst, Stecken braucht man da keinen.“
Mit Familie und Helfern macht sich Hubert Zangerl schließlich auf den drei bis vier Stunden langen Heimweg nach Neder. Auch dabei geht es ruhig zu. „Mit etwas Gespür und Geduld treiben wir sie ganz gemütlich wieder zum Hof. Dann hockt man sich wieder hin und lässt die Rinder einfach gehen.“ Die Haflinger dürfen bei guter Wetterlage noch eine Woche länger auf der Alm verbringen.
Während beim Almabtrieb in See das Ende des Almsommers mit Musik, Fest und geschmücktem Vieh gefeiert wird, geht es beim Almabtrieb von der Hinterflath-Alm viel ruhiger zu. So unterschiedlich die beiden Almabtriebe auch sind, eines verbindet sie: die Dankbarkeit, wenn Mensch und Tier gesund durch den Almsommer gekommen sind.
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Enkel Leo ist einer der fleißigsten Helfer von Hubert Zangerl.
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