Guillem Burset

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„Spanien hat seine Fühler überall ausgestreckt“

Für einen Vortrag am Forum Fleisch der AMA-Marketing war Guillem Burset eigens aus Spanien nach Wien gereist. Die BauernZeitung hat den Berater der exportaffinen spanischen Fleischwirtschaft zum Gespräch gebeten.

BauernZeitung: Herr Burset, Sie sind seit Jahrzehnten in der spanischen Schweinebranche tätig. Wie ist es in so kurzer Zeit gelungen, zum Spitzen-Exporteur zu avancieren?

BURSET: Es ist alles eine Effizienzfrage. Es gelten einfach die Gesetze der Wirtschaft. Wenn Sie Landwirt sind und Geld verdienen, was werden Sie tun? Sie werden expandieren. Und genau so ist es gekommen. Alles basiert auf der Effizienz der Schlachthöfe. Ich habe selbst gut acht Jahre lang einen Schlacht- und Zerlegebetrieb geleitet. Mein Ziel war es, so effizient wie möglich zu sein, denn die Konkurrenz schläft nicht.

Herzstück des spanischen Modells ist ein integriertes Produktionssystem, also Lohnmast. Was hat es damit auf sich?

Das Konzept entstand vor 45 Jahren, als wenig erfolgreiche Landwirte in Konkurs gingen. Da haben größere Betriebe angeboten, die Kosten zu tragen und ihren Kollegen Pauschalbeträge zu zahlen. Der Landwirt konnte weitermachen und der Unternehmer wachsen, ohne investieren zu müssen. Irgendwann kamen die größten Betriebe darauf, zur Optimierung auch die Ferkelproduktion und die Schlachtung zu verwalten. Heute haben wir in Spanien fünf Unternehmen, die alle mehr als 100.000 Sauen in Produktion haben.

4.000 Sauen sind für spanische Maßstäbe die ideale Größe.

Guillem Burset

Wie sieht der durchschnittliche Schweinebetrieb dort heute aus?

Er ist so groß wie möglich. Wobei es mittlerweile auch ein Umdenken gibt. Vor 20 Jahren baute man, um Skaleneffekte zu erzielen, sogar Betriebe mit 10.000 Sauen. Das ist aber im Hinblick auf Tierseuchen ein Risiko. Heute würde ich 4.000 Sauen als optimale Größe für spanische Maßstäbe bezeichnen. Groß genug, um die Kosten im Griff zu haben, aber nicht so groß, dass Probleme einen ruinieren können.

Tierseuchen sind mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP) seit vergangenem Jahr in Ihrer Heimat ein akutes Thema. Wie stellt sich die Lage derzeit dar?

Derzeit gibt es nur Fälle rund um Barcelona. Aber die Krankheit ist noch lange nicht unter Kontrolle. Die Behörden haben richtig gehandelt.

Wie reagiert die exportorientierte Fleischwirtschaft darauf?

Der früher wichtigste Absatzmarkt China akzeptiert nun ein Regionalisierungsabkommen. Aber China hat mittlerweile eine hohe Eigenproduktion und importiert nur noch Nebenprodukte. Die spanischen Vermarkter haben seit jeher überall ihre Fühler ausgestreckt, um alle Teilstücke bestmöglich zu vermarkten. Ein Beispiel: Spanien exportierte bisher 220.000 Tonnen Schweinefleisch nach Japan, drei Viertel davon waren Schweinebäuche, weil diese in Ostasien die höchsten Preise erzielen. Mit der ASP fiel dieser Markt weg. Damit blieben die Schlachtbetriebe plötzliche auf einem Berg von 3.000 Tonnen Schweinebäuchen pro Woche sitzen. Fakt ist, Spanien wird heuer wieder 55 Prozent seiner Ausfuhren in der EU absetzen (müssen) und nicht in Drittstaaten.

Das beeinflusst auch den Schlachtschweinepreis in der EU entsprechend. Reicht das derzeitige Niveau den spanischen Betrieben aus?

Derzeit liegt der Preis bei 1,30 pro Kilogramm Schlachtgewicht, die Kosten bei 1,37 Euro. Kurzzeitig war der Preis auf 1 Euro gefallen. Im Schnitt machten die Betriebe pro Schwein 45 Euro Verlust. Bei 1,2 Mio. Schlachtschweinen fehlten der Branche rund 55 Mio Euro, pro Woche wohlgemerkt. Aus diesem Tief haben wir es noch nicht geschafft. Das einzig Gute ist, dass die Mäster in den drei Jahren davor gut bezahlt wurden, manche sagen zu gut. Wahrscheinlich werden dennoch einige gezwungen sein, aufzugeben.

Hierzulande wird im Großhandel vermehrt spanisches Fleisch gelistet. Zu Preisen, mit denen Österreichs Schweineproduzenten nicht mithalten können. Was sagen Sie dazu?

Dieses Phänomen wird nicht verschwinden, es wird zunehmen. Spanien wird seine Exporte immer mehr von Drittländern auf die Europäische Union verlagern. Da man nichts dagegen tun kann, sollte man das Beste daraus machen. Also versuchen, kreativ und flexibel alles zu tun, was nötig ist, um erfolgreich zu sein.

Spanien wird seine Exporte von Drittstaaten immer mehr in Richtung EU verlagern.

Guillem Burset

Wie soll das einem österreichischen Betrieb mit im Schnitt nicht einmal 200 Schweinen gelingen?

Auch in Spanien gibt es eine Premium-Schiene, das iberische Duroc, welches von zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung zu deutlich höheren Preisen gekauft wird und entsprechend gekennzeichnet ist. Mittlerweile gibt es keinen Fleischer in den großen Städten mehr, der es nicht auch anbietet. In Österreich haben die Leute im Schnitt höhere Einkommen, vielleicht ist dieser Nischenmarkt entsprechend größer.

In Österreich werden die Tierwohlstandards in der Schweinehaltung derzeit sukzessive angehoben. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Das Wichtigste ist, dass man verkaufen kann. Und ich glaube nicht, dass die Konsumenten dem Thema Tierwohl global allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Wichtig ist der Geschmack. Man kann ein Produkt anbieten, das die Menschen an die alten Zeiten erinnert. Wenn man kleinstrukturiert ist, würde ich empfehlen, dass man wächst. Wer das nicht kann, muss sich Nischen suchen. Vor allem muss man effizienter werden und die Kosten im Griff haben. Selbst bei unserem teuersten Schweine-Segment, den Iberico-Schweinen, wird die Hälfte der Gesamtproduktion mittlerweile in einem Unternehmen geschlachtet.

Wird die spanische Schweinebranche weiterwachsen?

Die spanische Produktion wird langfristig auf dem aktuellen Niveau bleiben. Durch die ASP haben wir derzeit eine Überversorgung des Marktes, die nur gelöst werden kann, wenn einige Unternehmen verschwinden. Es ist unwahrscheinlich, dass Spanien je mehr als 60 Mio. Schweine pro Jahr schlachten wird. Deshalb investieren unsere größten Unternehmen nun in Südamerika. Mit Erfolg.

Zur Person

Guillem Burset hat Landwirtschaft studiert und stieg unmittelbar danach in die Schweinebranche ein. Er leitete nationale und internationale Schlacht- und Exportunternehmen und war Präsident der katalanischen Fleischindustrie. Heute ist der 73-Jährige als Berater für die spanische Fleischwirtschaft tätig.

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