Landwirtschaft 2035: Der Mensch im Mittelpunkt

Die Zukunft der Landwirtschaft hängt nicht allein von Digitalisierung und Automatisierung ab. Ebenso entscheidend sind gesunde Arbeitsbedingungen und eine funktionierende Arbeitsorganisation. Das zeigt ein wissenschaftliche Beitrag, der Empfehlungen für die Landwirtschaft der Zukunft formuliert.

Ein junges Paar spaziert lächelnd auf einem Bauernhof, im Hintergrund ein grüner Traktor und eine Scheune.

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Dass Landwirtschaft nicht allein aus Maschinen, Technik, Produktion oder Digitalisierung besteht ist keine Neuerung. Hinter diesen Dingen stecken vor allem Menschen, die in diesem Sektor tätig sind. Ein aktueller wissenschaftlicher Bericht zeigt, dass zwar technische Innovationen meist im Mittelpunkt stehen, aber die tatsächlichen Arbeitsbedingungen sowie das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation zu wenig berücksichtigt werden. Die Autorinnen Elisabeth Quendler von der BOKU University in Wien, Katja Heitkämper von Agroscope in Ettenhausen (Schweiz), Juliana Mačuhová von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sowie Erika Quendler von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen in Wien fassen die Ergebnisse von 16 Forschungsarbeiten aus zehn Ländern zusammen. Diese wurden beim International Symposium of Work in Agriculture und dem Arbeitswissenschaftlichen Kolloquium 2026 vorgestellt. Der wissenschaftliche Beitrag plädiert dafür, landwirtschaftliche Arbeit als sogenanntes soziotechnisches Gesamtsystem zu verstehen. Erst wenn technische, organisatorische und soziale Aspekte gemeinsam betrachtet werden, können Betriebe langfristig erfolgreich und nachhaltig arbeiten.

Fachkräftemangel verlangt neue Wege

Ein Schwerpunkt des Beitrags liegt auf der Frage, wie Menschen für die Landwirtschaft gewonnen und langfristig im Beruf gehalten werden können. Als Beispiel nennen die Autorinnen das Schweizer Modell „Co-Farming“. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sammeln dort auf Testflächen praktische Erfahrungen und werden von erfahrenen Fachpersonen begleitet, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Eine Machbarkeitsstudie sieht insbesondere für Teilzeitmodelle Potenzial. Nach Auffassung der Autorinnen zeigt dieses Beispiel, dass neue Formen des Berufseinstiegs helfen können, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Auch die Arbeitsorganisation müsse stärker an die jeweiligen Betriebe angepasst werden. So verweist der Beitrag auf ein in Australien entwickeltes Fatigue-Management-Toolkit, das gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten erarbeitet wurde. Die Forschung zeigt, dass standardisierte Lösungen nicht ausreichen. Maßnahmen müssen vielmehr die Betriebsstruktur, die Personalausstattung und die saisonalen Belastungen berücksichtigen.

Gesundheit ist mehr als Unfallverhütung

Die vorgestellten Studien machen deutlich, dass Gesundheit als Bestandteil der Arbeitssicherheit verstanden werden sollte. Irische Forschungsergebnisse zeigen, dass viele Bäuerinnen und Bauern gleichzeitig unter mehreren gesundheitlichen Belastungen leiden. Drei Viertel der untersuchten Personen wiesen vier oder mehr kardiovaskuläre Risikofaktoren auf, mehr als die Hälfte berichtete über Muskel-Skelett-Beschwerden und rund jeder Zweite über erhebliche Schlafprobleme. Der wissenschaftliche Beitrag beschreibt einen Kreislauf, in dem gesundheitliche Probleme das Unfallrisiko erhöhen und Unfälle wiederum den Gesundheitszustand verschlechtern. Gesundheitsförderung sollte deshalb nach Auffassung der Autorinnen ein integraler Bestandteil der Arbeitssicherheit sein.

Psychische Gesundheit enttabuisieren

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt auf der Tagung das Thema psychische Gesundheit. Wie die Autorinnen berichten, war es das am häufigsten behandelte Thema in den Arbeitsgruppen. Eine Studie aus Göttingen weist für Deutschland auf einen erheblichen Wissensmangel hin und untersucht erstmals Depressionen, Angststörungen und Suizidalität bei Landwirtinnen und Landwirten mit wissenschaftlich validierten Instrumenten.

Weitere Forschungsarbeiten zeigen, dass Unterstützungsangebote bislang überwiegend auf einzelne Personen ausgerichtet sind. Maßnahmen auf Betriebs-, Gemeinde- oder politischer Ebene fehlen dagegen weitgehend. Praxisprojekte aus Irland belegen nach Angaben der Autorinnen, dass Programme, die gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden, wirksamer sind als von außen vorgegebene Maßnahmen.

Ein weiterer sozialer Aspekt ist die sogenannte psychologische Sicherheit. Eine australische Studie beschreibt sie als Arbeitskultur, in der Fehler eingestanden und Verbesserungsvorschläge eingebracht werden können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Nach den Ergebnissen ist eine solche Kultur ein wichtiger Faktor für Mitarbeiterbindung und Lernbereitschaft in landwirtschaftlichen Teams.

Inklusion als Zukunftsaufgabe

Der wissenschaftliche Beitrag widmet sich auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen in der Landwirtschaft. Eine österreichische Befragung zeigt, dass sie häufig auf die Unterstützung ihrer Familien sowie auf eigene Anpassungsstrategien angewiesen sind. Damit sie ihre Tätigkeit langfristig fortführen können, benötigen sie nach Angaben der Autorinnen vor allem Beratung, den Austausch mit anderen Betroffenen sowie gezielte Zuschüsse für technische Umrüstungen.

Ebenfalls aus Österreich stammt eine Untersuchung zu Bauernhofkindergärten. Obwohl diese nachgewiesene positive Bildungseffekte für Kinder bieten, existieren landesweit lediglich fünf Einrichtungen. Als Grund nennen die Autorinnen die fehlende rechtliche Verankerung als staatlich geförderte Betreuungsform.

Bildung und Gesellschaft mitverantwortlich

Die Autorinnen sehen auch außerhalb der Betriebe Handlungsbedarf. In der Ausbildung sollten neben fachlichem Wissen künftig verstärkt Systemdenken, Digitalkompetenz und Gesundheitsförderung vermittelt werden. Gleichzeitig müsse lebenslanges Lernen gestärkt werden, damit sich Beschäftigte an technologische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungen anpassen können. Neue Bildungsangebote wie Incubator-Programme oder modulare Teilzeit-Curricula könnten zudem den Einstieg in die Landwirtschaft auch Menschen ohne klassischen Agrarhintergrund erleichtern.

Darüber hinaus fordern die Autorinnen eine Entstigmatisierung psychischer Belastungen in bäuerlichen Gemeinschaften. Peer-Support-Netzwerke und Social-Farming-Modelle könnten dazu beitragen, die gegenseitige Unterstützung zu stärken und Brücken zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft zu bauen.

Der soziale Aspekt darf nicht unterschätzt werden

Der wissenschaftliche Beitrag macht deutlich, dass die Zukunft der Landwirtschaft nicht allein von technischen Innovationen abhängt. Ebenso entscheidend sind gesunde Arbeitsbedingungen, soziale Unterstützung, Inklusion, eine lernförderliche Arbeitskultur und gute Bildungsangebote. Die Autorinnen kommen zum Schluss, dass Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung zwar notwendig sind, ihr Potenzial aber nur dann entfalten können, wenn gleichzeitig die Arbeitsgestaltung konsequent am Menschen ausgerichtet wird. Die Vision 2035 versteht Landwirtschaft daher als ein soziotechnisches System, in dem Menschen gesund, sicher und mit langfristigen Perspektiven arbeiten können.

Der wissenschaftliche Beitrag auf einen Blick

Titel: Vision 2035 – Die nachhaltige soziotechnische Gestaltung landwirtschaftlicher Arbeit

Autorinnen: Elisabeth Quendler (BOKU University), Katja Heitkämper (Agroscope), Juliana Mačuhová (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft) und Erika Quendler (Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen).

Grundlage: 16 Forschungsbeiträge aus zehn Ländern, vorgestellt beim International Symposium of Work in Agriculture und dem Arbeitswissenschaftlichen Kolloquium 2026.

Ziel: Handlungsempfehlungen für Forschung, Bildung, Politik und Praxis entwickeln, um landwirtschaftliche Arbeit bis 2035 nachhaltig, gesund und zukunftsfähig zu gestalten.

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